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„Wir wollen laut und sichtbar sein“

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Von: Andrea Herzig

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Gaby Pilgrim ist Frauenbeauftragte der Stadt Bad Homburg.
Gaby Pilgrim ist Frauenbeauftragte der Stadt Bad Homburg. © privat

In Bad Homburg gibt es am morgigen Samstag einen Anti-Gewalt-Marsch, der das Thema häusliche Gewalt an Frauen und Mädchen lautstark an die Öffentlichkeit bringen soll. Frauenbeauftragte Gaby Pilgrim erklärt im Interview, warum die Aktion so wichtig ist.

Frau Pilgrim, was ist der aktuelle Anlass für die Demo morgen?
Wir nutzen die europäische Woche gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, um auf dieses gesamtgesellschaftliche Thema vor Ort aufmerksam zu machen.

Was versprechen Sie sich von der Aktion?
Wir wollen laut und sehr, sehr sichtbar sein. Wir hoffen, Passanten auf uns aufmerksam und sensibel für das Thema zu machen. Wir werden bei der Kundgebung über die vielen Gesichter sprechen, die die Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat. Wir wollen, dass die Menschen hinhören.

Welche Gesichter häuslicher Gewalt sind das?
Wir wissen, dass in Europa jede dritte Frau einmal Opfer häuslicher Gewalt wird. Es trifft alle Schichten, alle Altersgruppen. Die Gewalt geht fast immer vom Partner oder Expartner aus. Sie trifft die Frauen in der Familie, also in einem eigentlich geschützten Raum. Die Frauen leiden nicht nur unter physischer, sondern auch unter psychischer Gewalt wie Herabwürdigung. Auch die Gefahr, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden, ist in der Familie deutlich größer als im öffentlichen Raum.

Ist dieses Thema den Menschen so wenig bewusst, ist es immer noch ein Tabu?
Viele können sich nicht vorstellen, dass so etwas in ihrer direkten Umgebung, bei den Freunden, guten Nachbarn oder in der Familie passiert. Natürlich sind wir inzwischen einen großen Schritt weiter, niemand wird mehr die Notwendigkeit von Frauenhäusern leugnen. Aber die Frauen schämen sich immer noch, sie geben sich selbst die Schuld, sie wollen ihre Ehe und Familie nicht scheitern lassen. Im Schnitt dauert es sieben Jahre, bis sich eine Frau von einem gewalttätigen Partner trennt.

Warum üben denn Männer Gewalt aus gegenüber ihren Frauen?
Das hat etwa mit Macht und Kontrolle zu tun. Natürlich gibt es auch Frauen, die Gewalt anwenden, aber in der Mehrheit ist es ein Männerproblem. Es gibt immer noch ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.
Aber es hat sich eine Menge getan, Gesetze wurden geändert und die Frauen haben ein anderes Selbstbewusstsein entwickelt. Und sie nehmen öfter Beratung und Hilfe in Anspruch. Das tun übrigens auch immer mehr Männer. Es gibt jetzt im Kreis eine Beratungsstelle für Männer mit Gewaltproblemen und es gibt Männer, die dieses Angebot nutzen. Einige rufen zum Glück an, bevor etwas passiert ist. Das ist ein Riesenschritt.

Wie geht es den Frauen mit häuslicher Gewalt hier im Hochtaunuskreis?
Im Grundsatz nicht anders als anderswo, Gewalt ist nicht abhängig von Bildung und Einkommensverhätnissen. Aber es gibt in gut situierten Gegenden manchmal andere Lösungsmöglichkeiten für die Frauen. Wer finanziell besser abgesichert ist, kann manches vom Anwalt regeln lassen oder hat bessere Möglichkeiten, den gewalttätigen Partner zu verlassen.

Die Frauen hier haben lange Jahre für Gleichberechtigung gekämpft und auch einiges erreicht. Nun kommen Menschen in unsere Gesellschaft, in deren Kultur die Frau in der Hierarchie klar unter dem Mann gesehen wird. Wenn Gewalt ein Problem des Machtgefälles ist, wie gehen Sie jetzt mit dieser Herausforderung um?
Um es klar zu sagen, Gewalt gegen Frauen und Mädchen kommt nicht nur in allen Einkommens- und Altersklassen, sondern auch in allen Nationalitäten vor. Was wir tun können, ist, die Frauen auf Hilfsangebote hinzuweisen und sie zu stärken. Wir sagen ihnen, dass Gewalt bei uns gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Wir sprechen darüber und wir stellen diese Themen, auch das Thema der Gleichstellung, immer wieder in den Fokus unserer Veranstaltungen wie zum Beispiel bei den internationalen Frauenzimmern in Bad Homburg.

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