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„Wir filtern den Markt für unsere Kunden“

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Von: Andrea Herzig

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Neuer Chef der Bad Homburger Aktionsgemeinschaft: Eberhard Schmidt-Gronenberg auf der Louisenstraße.
Neuer Chef der Bad Homburger Aktionsgemeinschaft: Eberhard Schmidt-Gronenberg auf der Louisenstraße. © Michael Schick

Einzelhandelskaufmann und Handelsfachwirt Eberhard Schmidt-Gronenberg spricht im FR-Interview über Konzepte der Aktionsgemeinschaft und den Online-Handel.

Eberhard Schmidt-Gronenberg (56) ist Geschäftsführer des Modehauses Halbach. Der Einzelhandelskaufmann und Handelsfachwirt übernahm 1989 mit 29 Jahren den Betrieb. Bei der Aktionsgemeinschaft war Schmidt-Gronenberg viele Jahre einer von zwei Stellvertretern.

250 Mitglieder hat der Gewerbeverein, 150 aus dem Bereich des Einzelhandels, jeweils knapp 30 aus Gastronomie und Handwerk, die restlichen Mitglieder sind Selbstständige. Den Jahresumsatz seiner Vereinsmitglieder beziffert Schmidt-Cronenberg auf mindestens 100 Millionen Euro. Die Werbegemeinschaft veranstaltet verkaufsoffene Sonntage, das Weinfest, Musik-Events und den traditionellen Weihnachtsmarkt.

Ist die Aktionsgemeinschaft im Aufbruch nach dem Tod ihres Vorsitzenden Hölzer?
Jörg Hölzer hat die Aktionsgemeinschaft so geführt wie es seiner Persönlichkeit entsprach, ich werde es so tun, wie es mir entspricht. Ich werde andere Prioritäten setzen. Bedingt durch die lange Krankheit Hölzers haben Thomas Meye und ich zusammen mit Schatzmeister Peter Löw die Aktionsgemeinschaft quasi schon geführt. Wir waren immer handlungsfähig. Ich habe den ersten Vorsitz in der Übergangsphase als Verpflichtung gesehen, aber ich werde auch neue Akzente setzen.

Welche?
Ich bin Einzelhändler, ich habe auf manche Dinge einen anderen Blick. Wenn man mal schaut, wie es den drei Bereichen, aus denen unsere Mitglieder kommen, derzeit so geht, stellt man Unterschiede fest. Den Handwerkern geht es gut, der Gastronomie auch. Der Handel hat in den letzten zehn Jahren die stärksten Umbrüche erlebt. Der Einzelhändler hat eine Urangst: Dass keiner mehr kommt. Der Kunde bleibt stillschweigend weg, er kündigt es nicht an. Wir befinden uns im Vorhof dieser Situation. Die Kunden kommen noch, aber sie kommen seltener.

Was tun Sie dagegen?
Es gibt Orte, da funktioniert es noch. Zum Beispiel an der Schweizer Grenze oder auch in manchen Innenstädten wie in Würzburg. Dort funktioniert es mit dem Tourismus. In Bad Homburg haben wir gute Bedingungen, eine schöne Fußgängerzone. Wir haben ein ausgewogenen Angebot. Wir haben das Zentrenkonzept. Wir müssen aus der Innenstadt den Ort machen, an den man gerne geht. Wir müssen das gute Angebot noch viel mehr verzahnen mit einer guten Außengastronomie.

Alles ist gut, aber es funktioniert trotzdem nicht?
Es funktioniert nicht gut genug. Die Wende kam schleichend, ab 2005. Es ist das Online-Geschäft. Wir Einzelhändler konnten uns lange diese Auswirkungen nicht vorstellen. Es ist ja überall so, an manchen Orten eben nur nicht so gravierend wie an anderen.

Es gibt Thesen zur Zukunft des Einzelhandels. Eine lautet, dass der stationäre Handel in weiten Teilen dem Onlinegeschäft weichen wird. Wen wird es treffen?
Wir werden alle bleiben. Es wird immer Menschen geben, die nicht online kaufen. Alles was komplizierter ist, wird weiterhin im Fachgeschäft gekauft. Der Online-Handel wird nachlassen, innerhalb der nächsten fünf Jahre wird sich das einpendeln. Das Virtuelle hat seine Grenzen: Sie können nichts riechen, nichts fühlen und nur eingeschränkt sehen. Auch der Staat wird merken, dass die Versenderei sehr umweltbelastend ist.

Die emotionale Bindung der Kunden an den Handel ist wichtig?
Absolut. Wir kennen unsere Kunden. Und wir filtern für unsere Kunden den Markt. Online ist fast alles verfügbar, aber der Kunde wird aufgrund der schlechten Information online häufig auf die falsche Fährte gelenkt. Wenn er die Ware dann sieht, gefällt sie ihm nicht.

Der Offline-Handel ist nur noch der Showroom für Online-Geschäfte?
Für Bad Homburg stimmt das nicht. Wir haben das befürchtet, aber es ist nicht passiert. Vor allem wenn es um hochwertige Artikel geht, haben die Kunden Angst vor Plagiaten. Wohlhabende Kunden achten ganz genau auf den Gegenwert, den sie für ihr Geld im Einzelhandel bekommen. Wir haben überdurchschnittlich viele Kunden aus Bad Homburg hier in der Innenstadt.

Geht die Jugend nur noch online shoppen?
Man muss die Fenster so gestalten, dass sich die Jugend darin wiederfindet. Wir haben H&M, wir haben Jack & Jones, wir haben Kult. Die gab es alle früher in der Stadt gar nicht. Ich sehe eher wieder mehr Jugendliche in der Innenstadt. Wir haben auch Ideen. Vielleicht machen wir aus den Musiknächten mal ganze Musiktage.

Gibt es weitere Konzepte?
Wir denken über Veranstaltungen nach, die auch mal eine Woche dauern, zum Beispiel eine „Bad Homburg Fashion Week“ mit einem Höhepunkt am Wochenende. Was auch gut passt, ist eine Wellness-Week. Da kann man viel in der Stadt miteinander verbinden. Vielleicht kann man auch die Weihnachtsstadt mit Veranstaltungen auffüllen.

Und die Aktionsgemeinschaft geht online?
Sie wird einen gemeinsamen Marktplatz ihrer Mitglieder anbieten. Dort wird man sich über Produkte und Angebote in den Läden informieren können.

Wie groß ist der Zusammenhalt unter den Händlern?
Leider machen die großen Bekleidungsketten noch immer nicht bei uns mit und beteiligen sich auch nicht an den Werbegebühren für verkaufsoffene Sonntage. Das ist aber bundesweit so.

Interview: Andrea Herzig

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