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Wo der wilde Esel tobt

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Von: Olaf Velte

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Grävenwiesbacher Eselskopf
Grävenwiesbacher Eselskopf © rolf oeser

Heiligabend ist weit fortgeschritten – eine stille Nacht will sich trotzdem nicht einstellen. In Grävenwiesbach, der nördlichsten Gemeinde im Hochtaunuskreis, kommt eine seltsame Prozession über die dunkle Dorfstraße.

Das weiß gewandete Christkind hat nicht nur eine Schar lärmender Jugendlicher im Schlepptau – neben ihm springt auch eine Gestalt in Eselsmaske wie ein Irrwisch. Die Schellen am aufgeklappten Maul klingen laut durch die Nacht.

Ein Weihnachtsbrauch, der in der ganzen Region ohne Beispiel ist. Jeder kennt Nikolaus, Christkind und Knecht Ruprecht, hat schon in den Gabensack geschielt oder die Rute zu spüren bekommen – den Stoß eines wildgewordenen Esels bekommt man jedoch nur am Rande des Hochtaunus zu spüren. „Das ist eine sehr alte und ganz lokale Sitte“, sagt Karl Moses vom Grävenwiesbacher Heimat- und Geschichtsverein. Auch in diesem Jahr werden sich wieder einige Konfirmanden verkleiden und auf die Straße gehen. „In unserem evangelischen Bezirk hat der Esel wohl den Ruprecht der Katholiken ersetzt“, meint Doris Schneweis, die sich lange mit dem Thema beschäftigt hat. Früher habe der weihnachtliche Esel auch in den heutigen Ortsteilen Hundstadt und Laubach sein Unwesen getrieben – „in Grävenwiesbach hat sich das am längsten erhalten“.

Der Anspacher Heimatforscher Eugen Ernst weist auf die heidnischen Ursprünge hin und rückt den „Taunus-Hans“ neben den altgermanischen Julbock, Thors Ziegenbock, gerückt. Damit könnte zusammenhängen, dass die Pfarrer des Kirchspiels den alten Brauch nicht dulden wollten. Einst zogen die Jugendlichen von Haus zu Haus. Damit die Runde nicht bis in die Nacht dauerte, standen damals zwei hölzerne Eselsköpfe zur Verfügung. „Als Kind hatte man schon ein mulmiges Gefühl, wenn der Hans sich dem Haus näherte.“ In der festlich geschmückten Stube attackierte er Kinder und junge Frauen so lange, bis er von den Begleitern nach draußen gezerrt wurde.

In seinem Buch „Weihnachten im Wandel der Zeiten“, das mittlerweile in erweiterter Fassung vorliegt, erinnert Ernst an die „christlichen und zugleich unchristlichen Festtage“ zwischen dem ersten Advent und dem Dreikönigstag. Eine Zeit des Lichts und der Dunkelheit, in der sich die Menschen einst mit guten und bösen Mächten herumschlagen mussten. Der Winter war ihnen kein willkommener Geselle: Kälte, Hunger und Raubtiere wurden zu existenziellen Bedrohungen.

Eine Welt von Gewalten und Unholden tat sich auf. Auch die alten Namen des Knecht Ruprecht verweisen darauf: Hans Trapp, Hans Muff und Rauher Percht waren Poltergeister – erst im 19. Jahrhundert wurde der Gehilfe des Heiligen Nikolaus entdämonisiert und zum Spaßmacher degradiert.

Von der Verbürgerlichung der Weihnachtssitten war es kein weiter Weg bis zu ihrer Vermarktung. Ganze Gewerbezweige leben von der jährlichen Wiederkehr des Weihnachtsbaums – der ursprünglich als immergrüne Pflanze ein Symbol der Hoffnung war. Auch Efeu, Mistel und Kerzenlicht sollten dunkle Ängste bannen. Heute, so Ernst, herrschen „triviale Weihnachtsmaskeraden und Übersättigung“. Sein reich bebildertes Buch lässt nichts aus. Es ist eine umfassende Bestandsaufnahme rund um den 24. Dezember. Und eine Besinnung auf das Wesentliche – mit den Worten des Dichters Georg Trakl: Wanderer tritt still herein/Schmerz versteinerte die Schwelle./Da erglänzt in reiner Helle/auf dem Tische Brot und Wein.

„Weihnachten im Wandel der Zeiten“, Eugen Ernst, Theiss Verlag, 224 Seiten, 29,90 Euro.

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