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Die Kerbeborschen gründeten einen „Verein zur Förderung des Brauchtums in Oberursel“, um die Kerb zu erhalten.

Oberursel

Wiedergeburt der Taunuskerb in Oberursel

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Nach Pause und Empörung lebt Tradition im Schatten von St. Ursula wieder auf. Politik und Kirche zeigen bei der Eröffnung des Kirchweihfests Einigkeit.

Der Blick von oben aus luftiger Höhe vom Kirchturm auf das bunte Treiben gehört für Traditionalisten dazu wie für andere die alljährliche Bratwurst oder für Uschi König seit Jahrzehnten alle Jahre wieder der Schokokuss im Kingsize-Format, den es nur hier gibt. Persönliche Rituale, die zur Taunuskerb gehören. Empörung, Unverständnis, als wegen läppischer 7000 Euro das Traditionsereignis im vergangenen Jahr aus dem städtischen „Kulturkalender“ gestrichen wurde. Als ob man den Frankfurtern die „Dippemess“ nehmen würde.

Taunuskerb? Ein ersehntes Treiben im Spätherbst in früheren Jahren. Ihr weltlicher Ausläufer ein Nebenprodukt der Erinnerung an die Kirchweihe, die in der Kirche den Rang eines Hochfests hatte. „St. Ursula setzt die Kerb“, heißt es in Kirchenkreisen, ihr Gedenktag ist der 21. Oktober. Am Sonntag vor dem Feiertag der Namenspatronin der Kirche begann stets die einwöchige Sause. Kirchliches Fest und weltlicher Trubel zur Belustigung der Bevölkerung, Rummel in den Altstadtgassen und Tanzabende im Saal in den großen Wirtschaften. Alte Bilder und Stiche zeigen Menschenmengen in den Straßen und Gassen vom Bahnhof bis hinauf zur Bleiche im Schatten von St. Ursula.

„Die Kerb ist tot, das braucht kein Mensch mehr“, so lauteten die Unkenrufe derer, die von Tradition angesichts des abflauenden Interesses der Bevölkerung in den letzten Jahren nichts mehr hören wollten. „Natürlich, unbedingt braucht man die Kerb“, sagt indes Hobby-Historiker Hermann Schmidt fast entrüstet ob jedweder Zweifel daran. „Die Kerb ist Kulturgut, ist kulturhistorisch bedeutend.“ Am Rummelplatz mit seinen „Belustigungsgeschäften“ mögen sich die Geister scheiden, die Kerb als Treffpunkt der Menschen bleibt allen heilig, die nun zu ihrer Wiederbelebung angetreten sind.

Familientag

Mit Frühschoppen in den Gaststätten der Altstadt und im Pfarrer-Hartmann-Haus der Gemeinde St. Ursula beginnt heute der letzte Kerbetag. Auf dem Rummelplatz ist von 14 bis 17 Uhr „Familientag“ mit reduzierten Preisen auf allen Fahrgeschäften.

Die „Orscheler Kerbeborschen“ jedenfalls wollten sich ihre Kerb nicht nehmen lassen. Gründeten flugs einen „Verein zur Förderung des Brauchtums in Oberursel“, um die Sache mit ihren Kerbemädchen und anderen Gleichgesinnten selbst in die Hand zu nehmen. Und haben längst auch wieder den Bürgermeister und die örtliche Politik im Boot.

Kirche und Politik, bei der Eröffnung der wiederbelebten Kerb am Freitag zeigte die Ortsprominenz Einigkeit. Sprach Rathauschef Hans-Georg Brum (SPD) unter Applaus die „lieben Freunde der Kerb“ an, sah Pfarrer Reiner Göpfert von der evangelischen Fraktion in der großen überkonfessionellen und überparteilichen Runde beim Nierenspieß und Apfelwein mit Wilfried Abt vom Freundeskreis St. Ursula „ein klares Bekenntnis zur Tradition. Brauchtum ist für alle da.“ Später am Abend haben sich die Tische gebogen unter den Tanzenden, Hunderte Feierfreudige im Festzelt zelebrierten mit der Kult-Band „Aber Hossa“ das gelungene Revitalisierungskonzept.

„Ohne die Kerb, da fehlt einfach etwas, das gehört zum Herbst und zur Erntezeit“, sagt Uschi König, froh über die Wiedergeburt nach einem Jahr Pause und ihrer bereits zweiten Runde mit Schokokuss. Mit drei Glas Apfelwein hat der katholische Pfarrer Andreas Unfried die diesjährige Kerbefahne nach dem Aufstellen des 18 Meter hohen Kerbebaums gesegnet. Das gehört zu den uralten Ritualen, wenn Welt und Kirche gemeinsam feiern. Die „Auferstehungsfahne“, so hat sie der Pfarrer angesichts der neuen Hoffnung auf Zukunft genannt, zeigt die Symbole der Kerb vom Baum bis zum Gickelschmiss. Alle liegen in sicheren Händen geborgen, die helfen sollen, die Tradition zu bewahren.

„Die Kerb soll auf keinen Fall sterben“, sagt der Bürgermeister. Die stillen Genießer können am Samstag wieder den Blick auf das Treiben da unten auf der Bleiche genießen. Nach dem Erklimmen der 168 Sandsteinstufen im engen Wendelgang des Kirchturms bis hoch zur umlaufenden Galerie. Gedämpft klingt die Musik der Kerb hinauf. Aber sie ist da, das ist wichtig für die Traditionalisten.

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