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Wieder Kind sein

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Von: Miriam Keilbach

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Die Geschäftsführerin des Vereins Perspektiven, Ulrike Schüller-Ostermann (links) und die Sozialpädagogin Renate Bock, die sich um Kinder psychisch kranker Eltern kümmern wird.
Die Geschäftsführerin des Vereins Perspektiven, Ulrike Schüller-Ostermann (links) und die Sozialpädagogin Renate Bock, die sich um Kinder psychisch kranker Eltern kümmern wird. © Rheker

Kinder psychisch kranker Eltern können nicht einfach Kinder sein, sie müssen oft ihre Eltern betreuen. Das überfordert die Jungen und Mädchen. Bei den Beratern des Vereins Perspektiven finden sie Hilfe.

Kinder psychisch kranker Eltern können nicht einfach Kinder sein, sie müssen oft ihre Eltern betreuen. Das überfordert die Jungen und Mädchen. Bei den Beratern des Vereins Perspektiven finden sie Hilfe.

Kinder leiden. Manchmal still in sich hinein. Manchmal rebellieren sie, in der Schule, in der Clique. Kinder von psychischen Kranken übernehmen früh Verantwortung, befinden sich in einer Stimmungslage zwischen Fürsorge und Wut. Vielleicht können sie keine Freunde mit nach Hause bringen, weil die Wohnung vermüllt ist. Vielleicht gehen sie auch nicht mehr raus, weil die Eltern Panikattacken bekommen. Damit beschäftigen sich nun Experten, im Modellprojekt „Perspektiven für Kinder“.

Der Verein Perspektiven aus Oberursel kümmert sich in seiner Zweigstelle Bad Homburg nun um psychisch kranke Eltern und deren Kinder. Das Projekt wird vom Land Hessen, vom Hochtaunuskreis und von der Stadt Bad Homburg zu je einem Drittel finanziert. Zwei Sozialpädagoginnen sollen Kontakt zu den Familien aufnehmen und Gespräche mit Eltern, Gespräche mit Kindern sowie Gespräche mit der ganzen Familie führen.

Kontakt können sowohl Eltern als auch Kinder oder Jugendliche selbst suchen. Werden Eltern aufgrund von psychischen Problemen beispielsweise in die Vitos Klinik eingeliefert, stellt das Personal dort den Verein vor und vermittelt bei Interesse auch einen Kontakt. Zudem gibt es eine Telefonnummer, unter der sich sowohl Eltern als auch Kinder oder Jugendliche melden können, wenn ein Elternteil psychisch krank ist.

Angst nehmen, Wut zulassen

„Geplant sind 15 bis 20 Kontakte, bei den Menschen zu Hause oder bei uns“, sagt Claudia Schätzel, die sich um das Projekt kümmert. Nebst verschiedenen Gesprächen sollen Kinder auch für einige Stunden aus ihrem Umfeld genommen werden, um wieder Kind sein zu können. „Wir wollen den Eltern die Angst nehmen, dass das Jugendamt ihnen die Kinder wegnimmt. Und den Kindern zeigen, dass es auch andere gibt mit diesen Problemen“, so Schätzel. Dennoch: Ist das Kindeswohl gefährdet, werden die Pädagoginnen einschreiten.

Geplant ist künftig auch eine Kindergruppe – das ist aber auch abhängig von der Altersstruktur. Das Projekt lief erst im Januar an, bislang gibt es nur eine Mutter mit Kindern in der Betreuung des Projekts. „Wir werden das individuell abstimmen“, sagt Schätzel. Geplant sind aber kochen und backen, Ausflüge in den Zoo oder das Schwimmbad. „Wir wollen schauen, was die Kinder brauchen. Dreijährige und 13-Jährige wollen Unterschiedliches.“

Außerdem ist der Verein dazu da, Kinder aufzuklären: Was passiert da mit Mama oder Papa? „Wichtig ist es, ihnen die Schuldgefühle zu nehmen“, so Schätzel. Das ist nicht immer einfach: Auch wenn Kinder oder Jugendliche wütend auf ihre Eltern sind und möglicherweise auch überfordert, sind sie nach außen meist loyal. „Viele Kinder übernehmen zu viel Verantwortung, schlüpfen in die Elternrolle“, sagt Schätzel. Sie haben Angst, ihre Wut zu zeigen, damit Mama oder Papa sich nichts antun, und alles in sich hinein gefressen. „Wir zeigen ihnen, das Wut nichts Schlechtes ist“, sagt Schätzel.

„Schon eine kleine Veränderung von Eltern wirkt sich auf die Kinder aus“, sagt Schätzels Kollegin Renate Bock. „Wenn es Eltern schlecht geht, brauchen sie zuerst Hilfe, dann wird auch den Kindern geholfen.“ Es dauere nicht immer ewig, bis sich etwas ändern könne und es Kindern etwas besser gehe, so Schätzel.

Wenn das Projekt angelaufen ist, sind auch Kooperationen mit anderen Projekten, etwa einer Reittherapie oder einer Kampfsportgruppe denkbar. Für zwei Jahre ist „Perspektiven für Kinder“ angelegt. Eine Altersgrenze gibt es nicht. So können beispielsweise auch erwachsene Betroffene kommen, die ihre Kindheit aufarbeiten wollen. „Je jünger die Kinder aber kommen, desto mehr können wir helfen und vorsorgen“, sagt Schäfer.

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