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Wettspiel hinterm Wandschirm

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Natalia Ryabkova nach  ihrem Spiel hinterm Wandschirm.
Natalia Ryabkova nach ihrem Spiel hinterm Wandschirm. © Michael Schick

Sechs Studenten aus dem In-und Ausland spielen beim Fugato-Orgel-Festival um einen Förderpreis - und sollen dabei nicht erkannt werden.

Von Von Julia Wacket

Normalerweise ist die Kirche St. Marien in Bad Homburg gut besucht. Doch heute sitzen nur vereinzelt Zuhörer auf den braunen Holzbänken. Es gibt keinen Chor, der mitsingt, keinen Priester der betet. Nur eine weiße Trennwand – und eine Orgel.

Grund für das anonyme Orgelspiel ist der 8. Wettbewerb um die Förderpreise der Rotary-Bad Homburg-Schloss-Preis-Stiftung im Rahmen des Fugato-Festivals. „Damit wir nicht sagen können, die junge Dame gefällt mir aber besonders gut“, erklärt Hayko Siemens, Leiter des Motettenchors in München und Kopf der Jury. „Heute zählt nur die Musik.“

Sechs Teilnehmer hatten sich im Voraus bei den Fugato-Meisterklassen für die nächste Runde qualifiziert. Nun winkt ein Preis: 2000, 1500 und 1000 Euro stehen den besten drei Jungorganisten in Aussicht. Der Gewinner darf im Herbst 2011 ein Orgelkonzert in der Schlosskirche geben. Für die Jury keine leichte Entscheidung: „Das Niveau ist sehr hoch“, sagt Siemens. Das erste Stück ist ein Pflichtstück, und trotzdem denkt man oft nicht, dass es das gleiche Stück ist. Persönlichkeit, Tempo, all das prägt eine Inszenierung.

Tatsächlich wirkt das Spiel der Kandidaten alles andere als ähnlich. Von hohen, fröhlichen Klängen, die der Zuhörer vom Gottesdienst kennt, bis hin zu stürmischen, beinahe bedrohlichen Akkorden ist alles dabei.

„In einer Viertelstunde müssen wir all das zeigen, wofür wir ein halbes Jahr gearbeitet haben“, sagt Christian Drengk, einer der Wettstreiter. Der Freiburger Musikstudent spielt seit seinem 11. Lebensjahr. Als Sohn eines Kantors wurde ihm das Orgelspiel quasi in die Wiege gelegt. „Die Orgel fasziniert einfach. Man hat so viele Stimmen, sie ist so vielseitig“, erzählt der 21-Jährige.

Das findet auch Natalia Ryabkova: „Du hast diese Masse von Klang und weißt, nur du kannst darüber herrschen.“ Dabei begann die Russin das Orgelspiel ursprünglich nur, um am Klavier besser zu werden. Doch die Orgel setzte sich durch. Sie gefiel ihr sogar so sehr, dass Ryabkova 2007, um noch besser zu werden, von Russland nach Heidelberg zog, um dort ihr Konzertexamen zu machen.

Für sie ist das Orgelspiel eine Möglichkeit, den Leuten etwas mit auf den Weg zu geben. Sie will ihr Publikum unterhalten, jetzt und in Zukunft. „Die Orgel wird nie aussterben. Es wird immer Leute geben die sich dafür begeistern“, sagt Ryabkova.

Sarah Brenner, eine Bewerberin aus der Schweiz, ist da skeptischer. Die 26-Jährige weiß: „Immer weniger Leute gehen in die Kirche. Dieses Desinteresse kann sich leicht auf das Orgelspiel übertragen.“ Brenner selbst kam gerade durch die Kirche zur Orgel. Als Katholikin ging sie jedes Wochenende zur Messe, die Orgel war schon früh ein ständiger Begleiter. Heute übt sie fünf bis sechs Stunden pro Tag.

Nach dem Wettbewerb werden alle drei ihr Musikstudium fortsetzen. Dann spielen sie wieder ohne Druck. Denn den brauchen alle nicht. „Wir gehen lieber mal zusammen ein Bier trinken“, scherzt Brenner.

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