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Christian Müller in seiner Arztpraxis
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Christian Müller in seiner Arztpraxis

Ein Arzt erzählt

Wenn der Pharmavertreter klingelt

Wie geht ein Arzt mit den Anfragen von Pharmafirmen um? Christian Müller aus Bad Homburg berichtet von seinen Erfahrungen mit Medikamentenstudien und Marketingtricks.

Von Desirée Brenner

Etwa zwei- bis dreimal die Woche bekommt Christian Müller Besuch von Pharmareferenten, wie viele andere Ärzte auch. Die Vertreter von Unternehmen wie Boehringer Ingelheim, Sanofi-Aventis oder Astra-Zeneca haben bei der Arzthelferin einen Termin mit dem Bad Homburger Allgemeinmediziner vereinbart, um ihm neue Medikamente vorzustellen. Manchmal schlagen sie ihm auch die Teilnahme an einer Anwendungsbeobachtung vor. Doch er macht nur selten mit.

Anwendungsbeobachtungen sind Medikamentenstudien, mit denen die Pharmafirmen laut Eigenangaben die Nebenwirkungen eines neuen oder bereits auf dem Markt befindlichen Medikaments überprüfen wollen. Der Arzt muss dafür das Medikament einer festgelegten Anzahl von Patienten verschreiben und eventuelle Nebenwirkungen später dokumentieren. Kritiker wie Harald Herholz, Referent des Vorstands der hessischen kassenärztlichen Vereinigung oder der Verein MEZIS (Mein Essen zahl ich selbst), eine Selbstorganisation unabhängiger Ärzte, fordern ein generelles Verbot der Medikamentenstudien. Sie sehen die Studien als reines Marketinginstrument der Pharmafirmen.

Nichts gegen die Idee an sich

1996, während seiner Zeit als Arzt im Praktikum, hatte Müller häufig an den Medikamentenstudien der Pharmaunternehmen teilgenommen. „Damals verdiente ich knapp 1000 Mark im Monat, ich brauchte dringend Geld“. Je nach Aufwand bekam er pro Studie bis zu 100 Mark. Mitmachen sei eigentlich ganz einfach, habe der Referent immer gesagt. Zu einfach, fand Müller bald.

In seiner eigenen Praxis habe er in den vergangenen zwei Jahren nur an drei Medikamentenstudien teilgenommen. Der Grund: „Ich hatte damals den Eindruck, dass viele Studien nicht wirklich wissenschaftlich waren“. Es sei zum Beispiel oft nur um die Verträglichkeit eines Produktes gegangen. In den Eingangsvoraussetzungen stehe, dass nur Patienten, die vorher nicht das Medikament verordnet bekommen hatten, in Frage kämen. „Es ging also darum, möglichst viele Patienten neu auf das Präparat einzustellen und so den Absatz zu steigern“, so Müller. Wenn er den Pharmareferenten nach den Ergebnissen der Studien gefragt habe, sei keine Rückmeldung gekommen.

Dennoch ist Müller gegen ein Verbot von Medikamentenstudien: „Die Idee an sich finde ich gut“. Es gehe ja darum, in der breiten Masse Erfahrungen zu sammeln. Nur – ob es den Pharmaunternehmen darum gehe, sei fraglich. „Ich habe meine Einstellung im Vergleich zu früher geändert“ so Müller. Heute wähle er genau aus, wo er mitmache.

Die Studie vom Institut für Allgemeinmedizin der Uniklinik Frankfurt, an der aktuell teilnimmt, zielt darauf ab, die medikamentöse Behandlung von Patienten mit mehreren Krankheiten zu verbessern. Dafür behält eine Gruppe von Patienten ihre Medikation, bei der anderen wird eine gezielt eingegriffen. In Müllers Praxis läuft die Studie mit sieben Patienten an je vier Terminen, hinzu kommen je drei Stunden Schulung für den Arzt und seine Helferin. Das Honorar beträgt 300 Euro.

Wenig Zeit für Fragen

Im Praxis-Alltag sind die Besuche der Pharmavertreter zeitlich knapp bemessen, viel Zeit für kritische Fragen bleibt da kaum. Dennoch denkt Müller, dass er sich eine weitgehend objektive Haltung bewahrt hat. Die Marketingtricks der Verkäufer glaubt er zu kennen. Zum Beispiel den, statt absoluten relative Zahlen zu verwenden. Wenn etwa bei einem statt bei zwei Personen in einer Studie mit 10000 Personen Nebenwirkungen aufgetreten seien, sage der Vertreter, die Nebenwirkungsrate sei auf 50 Prozent zurückgegangen. „Auf meine Standard-Frage nach den absoluten Zahlen erfolgte noch nie eine konkrete Antwort“, erzählt Müller. Auch Diagramme würden gerne falsch dargestellt, etwa in Ausschnitten, um eine eigentlich flache Kurve künstlich steil zu machen und eine überproportionale Verbesserung des Medikaments vorzutäuschen.

Ob er bei all diesen Strategien immer vollkommen unbeeinflussbar ist, kann Müller nicht sagen. „Sicher habe ich schon mal ein Produkt verschrieben, über das mir gerade ein Referent berichtet hatte“. Aber nur, wenn die Alternativmedikamente in Preis und Wirkung sowieso ähnlich gewesen seien. Ein Problem sieht Müller dabei nicht: „Ich habe den Anspruch an mich selbst, unabhängig zu sein.“

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