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Weinseligkeit und Kokotten

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Von: Olaf Velte

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Gelenkbusse der Homburger Schnellbuslinie beherrschten bis 1974 das Straßenbild.
Gelenkbusse der Homburger Schnellbuslinie beherrschten bis 1974 das Straßenbild. © Stadtarchiv

Ein neuer Band des Bad Homburger Stadtarchivs spannt den Bogen über vier Jahrhunderte. Er berichtet unter anderem von der schwierigen Restaurierung der Burg Kronberg unter der Federführung von Kaiser-Witwe Victoria und Homburgs Baurat Louis Jacobi.

Nüchtern die Zahl, berauschend die Aussage: 20.000 Liter Rebensaft musste der Homburger Weinmeister jährlich heranschaffen, um die knapp 700 Einwohner bei Laune zu halten. Wingerte gab es im ganzen Umkreis, in der Gonzenheimer Gemarkung befanden sich beispielsweise 43 Morgen Weingärten. Der neue Band „Aus dem Stadtarchiv“ versammelt neben dem Text zur früheren Weinkultur in Hessen-Homburg noch drei weitere lesens- und bedenkenswerte Aufsätze.

Schriftleiterin Astrid Krüger, zugleich Chefin des Homburger Archivs, hat vier Vorträge zusammengefasst, die in den Jahren 2010 und 2011 im Gotischen Haus gehalten wurden. Wie so oft, ist die Bandbreite erstaunlich – die Themenvielfalt reicht bis ins 16.?Jahrhundert zurück. Dabei wird nicht nur trockener Altersstaub aufgewirbelt, die Entwicklungslinien reichen zum Teil bis in unsere Gegenwart.

So hat Autor Manfred Bickel im kurstädtischen Archiv einen Konvolut-Schatz namens „Bauakten Burg Kronberg“ gehoben. Darin Hunderte von Dokumente: Zeichnungen, Pläne, Gutachten, Angebote, Depeschen.

Lebendig wird die schwierige Restaurierung des Kronberger Wahrzeichens unter Federführung von Kaiser-Witwe Victoria und Homburgs Baurat Louis Jacobi. Ein Unterfangen, das sich von 1893 bis 1901 hinzog und noch heute Nachwirkungen zeigt. Auch derzeit sind Sanierungsfachleute zugange: Der schmuckvolle Rittersaal harrt seiner Vollendung.

Mit einem Blick auf die aktuellen Verkehrsverhältnisse endet „150 Jahre Bad Homburg – Frankfurt. Eine spannende/gespannte Verbindung auf Schiene und Straße“ von Walter Söhnlein. Regionaltangente West und Verlängerung der U-Bahn-Linie 2 gehören zu einem Komplex, der anscheinend nie zu Ende gebracht werden kann. Söhnlein scheut dabei nicht das offene Wort: Es liege auch an der ungünstigen Tarifgestaltung des RMV und fehlender Direktverbindungen, dass öffentliche Verkehrsmittel in hiesigen Breiten vergleichsweise wenig genutzt würden.

Randständiges gibt dem bereichernden Beitrag die Würze. So konnte der Schienenstrang – trotz florierendem Spielbank- und Kurbetrieb – nicht mit der Freien Stadt Frankfurt verbunden werden: Nachbarstaaten verweigerten kurzerhand die Durchfahrt. Homburg selbst hatte in jenen Jahren keinen guten Ruf. Frankfurts Musensohn Friedrich Stoltze – beileibe kein empfindlicher Mensch – nannte den Ort „lasterhaft“, schrieb von „Kokotten“ und Hochnäsigkeit.

Am übermäßigen Weingenuss kann es nicht gelegen haben. Der war längst durch den Konsum von Bier und Apfelwein ersetzt worden. Dass der Taunusbewohner seit Menschengedenken mit Ebbelwei getauft und aufgewachsen ist, darf als Missverständnis gewertet werden. Staunend verfolgt der Leser, was Heimatforscher Erhard Bus zur einstigen Weinkultur in der Wetterau und Homburg herausgefunden hat. „Das Traditionsgetränk unserer Gegend war über Jahrhunderte der Wein, der hier wuchs, gelesen, gekeltert und bei vielfältigen Gelegenheiten getrunken wurde.“ Schöner kann man es nicht sagen.

Der um 1500 im Lande herumziehende Reformator Erasmus Alberus hat Rebengärten in Königstein, Oberursel und Homburg gesehen: „In dem Lande wächst viel Weins.“ Am Südwesthang des Landgrafen-Schlosses soll sich ein stattlicher Weinberg befunden haben. Die Kommune ließ zu vielen Gelegenheiten öffentlich ausschenken – ein Brauch, der heutzutage leider nicht mehr im Schwange ist. Dreißigjähriger Krieg und „Kleine Eiszeit“ beendeten schließlich das weinselige Zeitalter.

„Aus dem Stadtarchiv“ Nr. 23 hat 139 Seiten und 52 Abbildungen. Für 11 Euro kann es in Buchhandlungen und im Gotischen Haus erworben werden.

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