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Weingott und Unendlichkeit

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Von: Olaf Velte

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Motiv von Günther Scherf
Motiv von Günther Scherf © Privat

Vielen Lesern ist er noch als Redakteur der Hochtaunus-FR in guter Erinnerung. Jetzt präsentiert Günther Scherf 23 seiner großformatigen Fotografien in der Bad Homburger Volkshochschule.

Es sind keine Menschen auf diesen Bildern. Einmal ist eine Fliege zu sehen – fast eine Sensation auf diesen lebewesenlosen Fotografien von Günther Scherf. Und doch ist viel Leben in der Ausstellung, die unter dem Titel „Die Natur im großen Kleinen“ derzeit im Foyer der Volkshochschule Bad Homburg präsentiert wird.

Der 63-Jährige geht nah heran, wenn er Maserungen in Form von Einaugen oder Schweinchen ablichten will. Er findet sie an alten Holzschuppen in Thüringen, Südtirol, im Allgäu. Trotz vieler Aufnahmen, die in aller Herren Länder entstanden sind, ist er kein Reisefotograf. „Es ist Zufall, wo das jeweilige Bild entstanden ist“, sagt Scherf, der 32 Jahre lang als Lokalredakteur für die FR im Hochtaunuskreis eine feste publizistische Größe war. Überall und immer ist er ein Sammler bestimmter Motive: Dem Unspektakulären, das am Wegesrand liegt und wächst, gilt sein Interesse.

Auf den großen Formaten wirken die Nahaufnahmen von Baumrinde und Bretterwand wie Landschaften und Gesichter. Andere Fotografien bilden Spiegelungen auf Wasseroberflächen ab – der Weiße Turm des Homburger Schlosses ist hier wahrlich eine „Zitterpartie“, die Farben wie zerlaufenes Öl. Scherf, der in Friedrichsdorf lebt und schon als Sechsjähriger mit dem Fotoapparat hantierte, schafft Raum für Meditationen. Man könnte langsam in seinem „Weingott“ versinken, sich erinnern an den tiefgründigen Essay „Weinrausch und Unendlichkeit“ von Gerhard Nebel. „Mit den Schatten des Teufels und den Flügeln des Engels“, schreibt Dagmar Scherf im dazugehörigen Poem.

Mehrere der Fotografien werden von Versen der dichtenden Ehefrau flankiert – eine Kombination, die das Bergende und Tröstende in Wort und Bild setzt. Zu einem welkenden Palmblatt heißt es: „Bedecke/mit den stolzen Farben/deines Sterbens/mein alterndes Gesicht“. Wie die Natur, so vergeht auch der Mensch, ist eingebunden in den ewigen Kreislauf. „Wir müssen spüren, dass wir Teil der Natur sind“, sagt Günther Scherf. Neben dem Dokumentieren der verborgenen Schönheit will er für den Schutz natürlicher Räume werben.

Skurrilitäten des Daseins

Nach Themenkreisen ist die Ausstellung sortiert. „Holzgesichter“ bilden eine Abteilung, nach „Ein- und Ausblicke“ endet der Rundgang mit „Was das Leben so schreibt“. Hier entdeckt der gelernte Journalist „Sprüche und Ungereimtheiten, nach denen ich überall Ausschau halte“. Es sind Skurrilitäten deutschen Daseins – die einzigen Fotografien, neben den widernatürlich in Reih und Glied gedeihenden Gemüsepflanzen, die sich umweglos einer urbanen Moderne zuordnen lassen. Entdeckt hat sie der Friedrichsdorfer auf Kirchen, Universitätsgebäuden, Briefkasten und Hinweisschildern. Das letzte Bild heißt „Neuware“ und zeigt ein Schaufenster in Weimar mit dem Aufdruck „frische Schlüpfer eingetroffen“. Auch dies ein Trost, irgendwie.

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