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Weihnachten unterm Zwiebelturm

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Von: Olaf Velte

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Vor der Ikonenwand: Erzpriester Dimitri Graf Ignatiew ist seit 1974 für die Allerheiligen-Kirche verantwortlich.
Vor der Ikonenwand: Erzpriester Dimitri Graf Ignatiew ist seit 1974 für die Allerheiligen-Kirche verantwortlich. © ROLF OESER

Die russisch-orthodoxe Kirche bereitet sich auf Heiligabend vor. Der Weihnachtsbaum – in hiesigen Breiten ein unerlässliches Utensil – begleitet mittlerweile auch das orthodoxe Fest der Geburt Christi. Ansonsten sind die Gewichtungen andere.

Noch zwei Tage bis zur Heiligen Nacht. Bis dahin gilt weiterhin: fasten und beten. Am 6. Januar, dem russisch-orthodoxen Heiligabend, gibt es vielleicht ein bisschen Fisch. Am folgenden Weihnachtstag jedoch werden Kinder beschenkt und Tische kulinarisch bestückt. Um 18 Uhr beginnt der Gottesdienst in der Allerheiligen-Kirche im Kurpark von Bad Homburg.

„Bei uns ist Weihnachten ein Familienfest“, sagt Dimitri Graf Ignatiew, Erzpriester der russisch-orthodoxen Kirche und zuständig für zwei Gotteshäuser. Neben dem Sakralgebäude im kurstädtischen Bezirk betreut er noch die Kirche des Heiligen Nikolaus in Frankfurt-Hausen. Dort können bis zu 300 Menschen an den Liturgien teilnehmen – weitaus mehr als im 60 Personen fassenden Homburger Kirchlein. Wie viele Gläubige zu den beiden Gemeinden gehören, sei kaum zu ermitteln: „Der Russe lässt sich ungern registrieren.“

Der Weihnachtsbaum – in hiesigen Breiten ein unerlässliches Utensil – begleitet mittlerweile auch das orthodoxe Fest der Geburt Christi. Ansonsten sind die Gewichtungen andere: Ostern ist das weitaus wichtigste Datum für die Ostkirche, deren Neujahrsbeginn auf den 1. September fällt. „Wir folgen hier dem landwirtschaftlichen Jahreskreis mit seinem Übergang vom Sommer zum Herbst.“ Eine Zeit, in der die Gottesdienste in dem von einem Zwiebeltürmchen gekrönten Bauwerk seltener werden. Im Sommer, wenn es im umgebenden Kurpark blüht und grünt, nehmen auch die Frankfurter Gemeindemitglieder gerne den 17 Kilometer weiten Weg auf sich, um an den Lobpreisungen teilzunehmen.

Weder Altar noch Bänke finden sich im Inneren der Allerheiligen-Kirche. Während der mitunter drei Stunden dauernden Gottesdienste ist Stehvermögen gefragt – viele Teilnehmer bewegen sich durch den Raum, bekreuzigen sich vor den Ikonen der Muttergottes und des Gottessohnes, entzünden Kerzen. Traditionell sind die Wechselgesänge zwischen Priester und Chor. Graf Ignatiew, der im vergangenen Jahr über 90 Neugeborene getauft hat: „Die Verbindung zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen zu ermöglichen, ist hier wesentlich.“

„Orthodox“ steht für „rechtgläubig“ – „mehr denn je in einer Epoche, in der die Entchristlichung der Gesellschaft voranschreitet“. Vierzig Tage des Fastens gehen dem Heiligen Abend voraus. Mit Diät, so der Homburger Erzpriester, habe das nichts zu tun. „Es ist eine Hilfe, um sich neu zu besinnen.“

Das Priesteramt für Allerheiligen hat Graf Ignatiew von seinem Vater übernommen. Der war 1952 mit Familie in den Taunus gekommen und in das zugehörige Pfarrhaus am Elisabethenbrunnen gezogen. Wie bei der nahe gelegenen Kirche verbinden sich altrussische Bauweise und Jugendstilelemente, gegliedert von hellem Sandstein und rotem Klinker – zwei der auffallendsten und schönsten Gebäude im architektonisch reichen Bad Homburg.

Das Gotteshaus, eingeweiht im September 1899, diente zuerst den russischen Kurgästen und Touristen als Ort der Einkehr. Während der Weltkriege blieb es geschlossen und verkam zu einem Geräteschuppen, reif für den Abbruch. „Dass es nach 1945 von der hiesigen altkatholischen Gemeinde genutzt wurde, war seine Rettung.“

Seit 1974 arbeitet Dimitri Ignatiew als Priester, hat die seitherigen politischen und gesellschaftlichen Wechselspiele in Europa hautnah miterlebt. Der Urgroßvater war einst russischer Innenminister und Botschafter in Konstantinopel – der Zar belohnte ihn mit dem sogenannten Dienstadel. Für den Nachkommen ist das Erbe innere Verpflichtung und Aufgabe: „Rette dich selbst – und Tausende werden gerettet.“

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