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"Was man nicht begreift, macht Angst"

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Gerald Schiller fordert die Angliederung der Psychiatrie an die Hochtaunuskliniken.
Gerald Schiller fordert die Angliederung der Psychiatrie an die Hochtaunuskliniken. © FR/Schick

Professor Gerald Schiller vom Waldkrankenhaus Köppern spricht im FR-Interview über das Tabuthema Psychiatrie und die Volkskrankheit Depression.

Schwere psychische Erkrankungen werden Gegenstand öffentlicher Diskussion bei spektakulären Vorfällen, etwa dem Suizid des Nationaltorhüters Robert Enke oder jetzt der Bluttat im Bad Homburger Schlosspark, wo ein vermutlich psychisch Kranker eine Frau erstochen hat. Das rückt solche Erkrankungen in eine bestimmte Ecke - das kann Ihnen doch nicht recht sein?

Das Thema steht heute mehr als früher im Fokus der Öffentlichkeit, es gibt etliches mehr an Informationen im Fernsehen oder Tageszeitungen. Auch die Fortbildung unter Hausärzten ist besser geworden. Aber sowohl Ärzte als auch die Bevölkerung beschäftigen sich mit psychischen Erkrankungen viel weniger als mit somatischen Erkrankungen...

... also sogenannten normalen Krankheiten ...

... wie Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, orthopädische Leiden. Da herrscht weniger Berührungsangst als bei psychiatrischen Krankheiten. Mit psychisch Kranken verbinden die Menschen eine gewisse Gefährlichkeit, wobei das statistisch nicht stimmt. Wie Sie sagen: Die Krankheit wird immer dann in den Fokus gerückt wenn etwas passiert ist. Dass ein psychisch Kranker mitunter genauso normal lebt wie ein somatisch Kranker, davon redet niemand.

Nach den bisherigen Erkenntnissen leidet der junge Mann, der im Schlosspark die Frau niedergestochen hat, an Schizophrenie. Was geht in einem Schizophrenen vor?

Etwa 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung leidet an einer schizophrenen Erkrankung. Auf den Hochtaunuskreis umgesetzt, ist hier mit 1000 bis 2500 Betroffenen zu rechnen. Es gibt verschiedene Formen, die häufigste - die dem Vernehmen nach auch in diesem Fall vorgelegen hat - ist die paranoid halluzinatorische Schizophrenie, bei der vor allem Wahnvorstellungen auftreten, wie Verfolgungswahn. Betroffene können beispielsweise Stimmen hören, die ihnen etwas befehlen. Ich kenne den Fall in Bad Homburg nicht näher, aber ich könnte mir vorstellen, dass es sich um einen Patienten handelt, der unter dem Einfluss von befehlenden Stimmen diese Tat begangen hat.

Sind das potenziell gefährliche Menschen?

Schizophrene sind gefährlicher als Depressive. Aber längst nicht jeder, der schizophren ist, ist gefährlich. Das ist eher eine absolute Minderheit.

Sie fordern eine Ende der Tabuisierung des Themas. Wie äußert sich denn dieses Tabu?

Zum Beispiel darin, die Psychiatrie immer noch nicht in die Somatik integrieren zu wollen...

Sie spielen damit auf den geplanten Umzug des Waldkrankenhauses nach Bad Homburg an?

Ja, es gibt die Diskussion, ob die Psychiatrie von Köppern in die neuen Hochtaunuskliniken nach Bad Homburg umziehen soll. Da gibt es große Ängste; viele sagen, damit wollen wir nichts zu tun haben. Gegen dieses Stigma, dieses Tabu versuchen wir mit Informationen, Tagen der offenen Tür, Sommerfesten anzugehen. Damit versuchen wir, Kontakte zwischen psychisch Kranken und der sogenannten Normalbevölkerung zustande zu bringen.

Wie kommt das an?

Sehr gut. Wir machen das Sommerfest seit 15 Jahren. Es kommen immer mehr Besucher, dann herrscht hier drangvolle Enge. Oft haben die Menschen noch Ängste im Umgang mit psychisch Kranken. Sie fühlen sich bedroht, können es nicht einordnen, wissen nicht, woher eine solche Krankheit kommt. Wenn sich jemand ein Bein bricht, ist das zu erklären. Aber wie wird jemand schizophren? Was man nicht begreifen kann, macht Angst. Wichtig ist: Die Psychiatrie gehört in ein Allgemeinkrankenhaus.

Nehmen psychische Erkrankungen im Hochtaunuskreis zu?

In den nächsten Jahren wird die Zahl der Depressionen zunehmen, da gibt es Hochrechnungen. Gerade die Depression droht in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren die häufigste Krankheit noch vor Herz-Kreislauf- und orthopädischen Erkrankungen zu werden. Auch die Zahl der Demenzen wird steigen.

Gibt es da Zahlen für den Kreis?

Statistisch sind etwa vier Prozent der Bevölkerung von Depression betroffen. Das wären im Kreis etwa 8000 Menschen.

Woran liegt es, dass immer mehr Menschen unter Depressionen leiden?

Wir werden immer älter, und je älter jemand wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er depressiv wird, auch im Zusammenhang mit organischen Erkrankungen. Außerdem gibt es viele Menschen, die reaktiv depressiv werden - aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor Krankheiten, aufgrund der Finanzkrise und von Terrorängsten. Auch der Halt, den früher die Religion bot, nimmt ab. Die familiären Bande halten immer weniger. Je qualifizierter jemand im Beruf ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er die Familie verlassen muss und allein ist in Krisen. Und in Ballungsgebieten wie Rhein-Main geht jede zweite Ehe den Bach runter.

Etwa 8000 Depressions-Patienten gibt es im Hochtaunuskreis. Werden die alle behandelt?

Bei leichten Formen reicht es oft aus, sich mit pflanzlichen Präparaten zu versorgen oder stützende Gespräche zu führen. Da muss man nicht gleich zum Arzt gehen. Schwerere Formen sollten behandelt werden. Das hängt aber auch von der Einsicht und dem Leidensdruck des Patienten ab. Eigentlich müssten viel mehr Menschen behandelt werden.

Was sind Warnzeichen?

Viele Patienten sind niedergeschlagen, ohne Antrieb, die Energie fehlt, sie ziehen sich zurück. Es treten Schlafprobleme auf, die Patienten klagen über Appetitlosigkeit. Dinge, die sonst Spaß gemacht haben, machen plötzlich keinen Spaß mehr. Manche Patienten erzählen, dass der Tag wie ein Berg vor ihnen liegt. Wenn das länger als ein, zwei Wochen anhält, sollte man zum Arzt gehen.

Wie sind die Heilungschancen?

Sehr gut. Man kann mit Medikamenten behandeln, und es gibt die Möglichkeit der Psychotherapie oder in bestimmten Fällen auch Lichttherapie. Es gibt viele gute Therapieansätze, damit kann man 80 Prozent der Patienten gut helfen.

Ist das Behandlungsangebot im Kreis ausreichend?

Wir haben eine große Dichte an Nervenärzten, Psychologen und Therapeuten. Wir haben im Waldkrankenhaus eine eigene Station für Depressionen und ein tagesklinisches Angebot in Bad Homburg, gleich neben dem Kreiskrankenhaus. Aus meiner Sicht ist das Angebot für Depressive gerade im Vordertaunus gut.

Wenn jemand selbst merkt oder Freunde und Verwandte spüren, dass etwas nicht stimmt: Wo gibt es schnelle Hilfe?

Der Hausarzt ist für viele die erste Adresse. Etwa 70 Prozent der depressiven Patienten gehen erst einmal zu ihm. Es ist wichtig, dass der Hausarzt erkennt, wann eine Depression vorliegt. Da gibt es leider gelegentlich noch Lücken. Und selbst wenn sie die Krankheit erkennen, behandeln sie nicht immer adäquat. Man kann sich aber auch direkt an Nervenärzte oder Psychotherapeuten wenden.

Wo finden Patienten rasch Hilfe in akuten Fällen?

Es gibt in Bad Homburg eine Ambulanz, das ist eine Außenstelle des Waldkrankenhauses im Haus Berlin, direkt neben den Hochtaunuskliniken. Wenn jemand rasch Hilfe braucht, kann er sich auch an den sozialpsychiatrischen Dienst wenden. Der ist angesiedelt beim Kreisgesundheitsamt.

Interview: Anton J. Seib

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