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Wanderung in den Wahnsinn

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Von: Olaf Velte

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Lesung zu Hölderlins rätselhafter Reise nach Bordeaux

Romantische Sujets beherrschen in diesen Tagen das Interieur des Bad Homburger Sinclair-Hauses. „Im Schein des Unendlichen“ ist die aktuelle Ausstellung überschrieben – ein passgenaues Rahmenprogramm aus Konzerten, Lesungen, Gesprächen und Schauspiel erweitert das Thema. Am vorgestrigen Abend wurde in der Landgrafenstadt eines alten Bekannten gedacht: Hölderlin, dem das Glück unter den Taunushöhen einst abhanden kam.

„Einer der wichtigsten Orte in seinem Leben“, sagt Thomas Knubben, bevor er mit der Lesung aus seinem Buch „Hölderlin. Eine Winterreise“ beginnt. Eingeladen von der Altana Kulturstiftung, berichtet der Wissenschaftler aus Ludwigsburg von jener verhängnisvollen Reise zur Jahreswende 1801/02. Hölderlin machte sich am 6. Dezember auf, um von Nürtingen nach Bordeaux zu wandern – eine Reise, die legendär geworden ist und bis heute Rätsel aufgibt. Schon ein halbes Jahr später trifft der Dichter wieder in der schwäbischen Heimat ein. Sein Anblick verbreitet Schrecken. „Leichenbleich, abgemagert, von hohlem wildem Auge, langem Haar und Bart, gekleidet wie ein Bettler“, notiert ein Zeitgenosse.

Knubben ist den Weg zweihundert Jahre später nachgegangen, hat die alte Route genommen, Straßburg, Lyon, Limoges passiert, hat sich durch die Berge der Auvergne gekämpft. Von einer Lustreise kann keine Rede sein. Totes Getier am Wegesrand, Nebel, Kälte, seltsame Gedanken brechen sich Bahn. „Was für Hölderlin himmelstürmend begann“, sagt der Nachgeborene, „endete im Ruin.“ Was ist auf der Reise geschehen, was hat den Musensohn vollends zerrüttet? Schon nach wenigen Wochen als Hauslehrer in Bordeaux erreichen ihn schlechte Nachrichten: Die geliebte Susette Gontard liegt in Frankfurt auf dem Totenbett. Es treibt ihn zurück – er kommt zu spät. Hölderlins Bordeaux-Erfahrungen gipfeln in dem Gedicht „Andenken“ mit dem berühmten Schlussvers „Ein Bleibendes aber stiften die Dichter“.

Zurück bleibt jedenfalls ein Publikum, das sich mit Knubbens Worten „aus der Zeit genommen“ hat. Auf ganz andere Pfade kann sich begeben, wer am 20. Februar eine „musikalische Reise durch die Romantik der Moderne“ antritt. Ab 19 Uhr werden Werke von John Cage zu hören sein.

Eine Anmeldung unter Telefon 06172/404120 ist erforderlich.

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