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Die Waisenkinder von Homburg

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In der Notiz des Waisenhauses von 1750 heißt es: Der Junge sei „boshafter Weise entlaufen“. Was aus ihm geworden ist, weiß keiner. Seine Spur und die vieler anderer Waisenkinder verlieren sich. Die Fragmente stammen aus einem Packen neu aufgetauchter Dokumente über das 1742 eröffnete Waisenhaus.

Von Klaus Nissen

Was ist wohl aus Johann Königsfeld geworden? Der 1732 geborene Junge wurde als Zwölfjähriger ins Homburger Waisenhaus „eingenommen“, schrieb der Registrator mit schwarzer Tinte in den schweinsledernen Folianten. Anno 1750 sei der Junge „boshafter Weise entlaufen“, lautet der letzte, ein wenig beleidigt wirkende Eintrag.

Auch das weitere Schicksal von Anna Margarete Reichert ist noch zu erforschen. Als drei Monate altes Baby wurde sie 1780 wegen des „höchst betrüblichen Standes beider Eltern“ dem Bäckermeister Friedrich Hock anvertraut. Der Vater litt nämlich an einem „Schlagfluss“, die Mutter an einer Armverletzung. Als die Mutter starb, kam Anna Margarete in das Waisenhaus. Kost und Erziehung wurde aus ihrer Erbschaft in Höhe von 6112 Kronen finanziert. 1793 meldet der Chronist noch die Konfirmation von Anna Margarete, dann verliert sich ihre Spur.

Gut 350 weitere Namen und Schicksals-Fragmente stehen im Buch, das Jürgen Brockelmann von der Landgräflichen Stiftung am Montag der Homburger Kulturdezernentin Beate Fleige übergab. Es gehört zu einem Packen neu aufgetauchter Dokumente über das 1742 eröffnete Waisenhaus, in dem heute die Sparda-Bank am Waisenhausplatz logiert. Kulturdezernentin Beate Fleige und Stadtarchivarin Astrid Krüger sichteten die 17 Kartons am Montag im Kinderheim der Landgräflichen Stiftung am Bommersheimer Weg. Die Papiere aus dem 18. Jahrhundert sollen ins Gotische Haus gebracht werden.

Astrid Krüger hofft, dass sich bald Freiwillige im Stadtarchiv melden. Dort können sie die Papiere auswerten; die altdeutsche Schrift ist nach einiger Übung recht gut zu lesen. Astrid Krüger: „Wenn wir die Namen wissen, können wir aus anderen Quellen das weitere Schicksal mancher Waisenkinder rekonstruieren.“

Schon im vorigen November waren einige Urkunden aus dem Waisenhaus ins Stadtarchiv gelangt. Der neue Besitzer Theodor Stoll hatte sie bei der Dachsanierung im Türmchen des Hauses gefunden.

Landgraf Friedrich III. hatte das Waisen- und Armenhaus 1742 eröffnet. Um es zu finanzieren, flossen ihm Strafgelder zu – beispielsweise für das illegale Tanzen an hohen Feiertagen. Auch den städtischen Leichenwagen lieh das Waisenhaus gegen Gebühr aus. Noch heute kümmert sich die Landgräfliche Stiftung um Kinder. Im 1968 bezogenen Heim am Bommersheimer Weg wohnen 30 Jungen und Mädchen mit psychischen Problemen. Sie werden von rund 20 Angestellten betreut.

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