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Viele harte Gespräche

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Von: Andrea Herzig

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Reimar Faulhaber geht täglich in die Flüchtlingsunterkunft.
Reimar Faulhaber geht täglich in die Flüchtlingsunterkunft. © Herzig

Seit einem Jahr geht der pensionierte Physiker und Unternehmensberater Reimar Faulhaber jeden Tag in die Flüchtlingsunterkunft am Niederstedter Weg, um dort Menschen in Deutschland beruflich auf die Beine zu helfen.

Fast jeden Morgen das gleiche Bild: Reimar Faulhaber, ein schlanker Mittsiebziger, kommt auf das Gelände der Flüchtlingsunterkunft am Niederstedter Weg. In der Hand eine Aktentasche. Er ist auf dem Weg zu Menschen, denen er in Deutschland beruflich auf die Beine helfen will. Seit einem Jahr macht er das, in Vollzeit.

Der Physiker, der auch viele Jahre als Unternehmensberater gearbeitet hat, ist ein strukturierter Mensch. Im Niederstedter Weg muss er erst Strukturen schaffen, unter den Flüchtlingen und auch den Helfern. Er ist geduldig, aber man hört, dass ihn das auch stört. Und er ist realistisch, er weiß, dass er nur an einigen Stellschrauben drehen und die Menschen nicht ändern kann.

Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen, die meisten wie er im Rentenalter, macht er mit den Flüchtlingen zuerst ein „Profiling“. Das heißt, er fragt, mithilfe von dolmetschenden anderen Flüchtlingen, nach Beruf, Schulbildung, Kenntnissen und beruflichen Vorstellungen in Deutschland. 100 Flüchtlinge haben er andere bereits befragt.

Autorität ist hilfreich

Faulhaber zieht ein Blatt mit Statistik aus seiner Arbeitstasche: 55 Prozent geben an, Abitur zu haben, 14 Prozent haben ein Studium, 25 Prozent wollen in Deutschland studieren. Oft versucht er den jungen Leuten, die meisten sind Männer, klar zu machen, dass eine duale Ausbildung in Deutschland besser für sie wäre. Denn erst müssen sie Deutsch lernen, für eine Ausbildung sollte es schon das Niveau B2 sein, weiß Faulhaber inzwischen.

Die Sprache. Freiwillige Angebote gehen bei der Hälfte der Menschen erst einmal ins Leere, stellt Faulhaber nüchtern fest. Der Helfer plädiert deshalb für verpflichtende Kurse. Wenn etwas von oben verfügt ist, so seine Erfahrung, werde es auch gemacht. Die Autorität, urteilt Faulhaber, spiele in der arabischen Kultur vieler Flüchtlinge eine große Rolle. Das erleichtert ihm auch das Arbeiten: Er ist älterer Mann, er hat Autorität .

Aber was kommt nach dem Profiling? Faulhaber schaut ernst. Selbst da müssen die Ehrenamtlichen schon sieben. Wer hat Bleibechancen? Denn mit der Befragung kommt die Hoffnung. Faulhaber muss auch viele harte, ehrliche Gespräche führen. Nur zehn bis 15 Prozent der Menschen, die er berät, kommen sichtbar voran, sieht es Faulhaber nüchtern. „Das sind unsere Leuchttürme.“

Was passiert mit den anderen? Faulhaber schweigt, er sieht die Probleme, aber er allein kann sie nicht lösen. Er erklärt es anders herum: Es sei derzeit nicht schwer, für einen Flüchtling einen Praktikumsplatz zu bekommen. Faulhaber und der harte Kern seiner Mitstreiter haben gute Beziehungen zu Jobcenter, Clearingstelle und anderen zuständigen Behörden. Das Problem sei, für die Stellen die richtigen Flüchtlinge zu finden. Vieles scheitere gleich an der Sprache

Manchmal scheitert es auch, nachdem es vermeintlich geklappt hat. Einen Mann vermittelte Faulhaber, aber der Mann trat seinen Job nie an. Ihm war bewusst geworden, dass er erst einmal zum Lernen antreten solle, aber er wollte sofort Geld verdienen. Faulhaber war sauer. Sechs Praktika hat der Physiker bislang vermittelt, in die IT-Branche, die Gastronomie, das Elektrohandwerk, die Metallverarbeitung. Einige Flüchtlinge betreut Faulhaber persönlich, auch andere Ehrenamtliche haben solche „Patenschaften“.

Da ist der Berater beim zweiten Bereich, dem es an Struktur fehlt. Ehrenamtliche sind für ihn eine sehr heterogene Gruppe, denen oft die Führung fehlt und auch die Supervision. Faulhaber will es niemandem vorwerfen, die Leute setzen ihre Zeit ein. Aber oft sie bräuchten ein Coaching – und manche mehr Distanz, Traumata können sich übertragen, warnt der Physiker.

Distanz versucht der 75-jährige zu halten. Trotzdem verfolgt ihn die Arbeit mit den Menschen aus dem Kriegsgebieten bis in den Traum. Von ihren eigenen Fluchterlebnissen erzählen ihm die Männer und Frauen kaum, sagt Faulhaber. Aber von der Familie, die jetzt noch in Aleppo ist.

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