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Videokunst verjüngt Alte Meister

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Von: Olaf Velte

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Gabriella Gerosa zwischen ihrem „Totenkopf I“ und dem „Vanitas-Stillleben“ von 1662.
Gabriella Gerosa zwischen ihrem „Totenkopf I“ und dem „Vanitas-Stillleben“ von 1662. © Michael Schick

Höhepunkt im umgestalteten Sinclair-Haus: Die Ausstellung„Still Bewegt“ zeigt Meisterstücke des 17. Jahrhunderts neben 21 filmischen Kreationen heutiger Künstler. Eine Schau, die die Besucher endlos staunen lässt.

Zauber und Zerfall, Glücksverheißung und tiefschwarze Verzweiflung. Extreme, zwischen denen das Stillleben seit jeher changiert. In der neuen Ausstellung der Altana-Kulturstiftung – unter der Überschrift „Still Bewegt“ ab morgen zu sehen – werden sie nochmals augenscheinlich und ins Heute geholt.

Was Kurator Johannes Janssen, der dem künstlerischen Dialog seit geraumer Zeit nachgeht, nun im umgestalteten und wiedereröffneten Sinclair-Haus zeigt, kann als ein Höhepunkt der bisherigen Auseinandersetzung bezeichnet werden. Zeitgenössische Videokunst gab die Anregung, ein verwunschenes, waidwundes Genre nachhaltig zu beleben. Leihgaben aus verschiedenen Sammlungen machten es möglich: 44 Meisterstücke des 17. Jahrhunderts dürfen sich neben 21 filmischen Kreationen heutiger Künstler sehen lassen.

Moderne ist Ironie

Es ist ein Fest – sogar gepflegte Langeweile kann nicht aufkommen. Allzu fordernd ist das Stillleben, wie es hier durchdekliniert wird. Natürlich wissen die neun Videomacher um die weite Strecke, die seit den Tagen der Klassiker vergangen ist. Moderne ist Technik, ist Ironie. In knapp drei Minuten lässt Pia Maria Martin zwei verliebte Fische als Fischsuppe enden, der „Buffetcrash“ von Gabriella Gerosa zerstört ein elegantes Arrangement.

Doch ist auch das, was die Alten in Sinnbilder packten, mitunter drastisch präsent. Gerosas „Totenkopf I“ zieht den Betrachter in Bann, weist mitleidlos auf das Ende des Erdenweges. Wie sich dieses gestaltet, ist Thema von „A Little Death“: Vier Minuten braucht Sam Taylor-Johnson, um einen Hasen zerfallen zu lassen. Im Zeitraffer quillen die Körpersäfte, arbeiten Heerscharen von Maden, transformiert sich der Leib. Eine wichtige Arbeit, elementar.

Nichts ist veraltet. Die Verse des Mahners Gryphius gelten noch immer, mehr denn je: „Was ist der hohe Ruhm/und Jugend/Ehr und Kunst?/Wenn dise Stunde kompt: wird alles Rauch und Dunst“. Bis es soweit ist, kann der Glanz der Welt genossen werden. Auch dies vermittelt diese Ausstellung auf treffliche Weise: All die Schönheit, die auf den Menschen wartet, Respekt einfordert.

Endloses Staunen

Im Sinclair-Haus können die altmeisterlichen Werke aufs Neue entdeckt werden. Das Staunen will nicht enden. Von Malerhand geadelt, leuchten Kohlstrünke und Weintrauben vor düsteren Hintergründen, türmen sich Berge von Fleisch und Fisch. Mit welcher Meisterschaft hat Frans Snyders vor 400 Jahren jedes Hasenhaar, jede Vogelfeder gestaltet – Zeugnis tiefer Hinwendung, einer erschütternden Gabe der Beobachtung.

Die Homburger Hängung bereichert alle: Im Neben- und Gegeneinander verjüngen sich die Alten, erden sich die Heutigen. Und der Besucher darf schauen – die Augen werden die Fülle kaum fassen. Sogar das Fliegende, dem Himmel nahe, ist stillgestellt: Dompfaff, Buchfink, Goldammer, Blaukehlchen – im Tode noch einmal erhoben vom Künstler.

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