+
Mehr als ein Büchermuseum: Nina und Marion von Nolting pflegen ihren Antiquariatsbestand auch in schwieriger Zeit.

Blick nach Oberursel

Ungeheuer im Bücherkabinett

  • schließen

Trotz Preisverfall und Sammlerschwund bleibt Tradition im Antiquariat Nolting eine verlässliche Größe.

Endlich einmal ein Reklameschild, das die Wahrheit sagt. „Hier gibt es sagenhafte Bücher“, ist am Erdgeschossfenster des Hauses Kumeliusstraße 3 in Oberursel zu lesen. Wer eintritt, begibt sich in ein bibliophiles Paradiesgärtlein, das einzige Laden-Antiquariat im Hochtaunuskreis.

Alte Bücher, neue Bücher: Seit Gunter Klärner den Betrieb 1961 aus der Taufe gehoben hat, gehört auch eine Buchhandlung wie selbstverständlich dazu. Daran hat Marion von Nolting nichts geändert. 1995 hat sie das Geschäft übernommen – im kommenden Jahr will ein ganzes Vierteljahrhundert „Buchhandlung & Antiquariat Marion von Nolting“ entsprechend gewürdigt sein. Der Handel mit wertvollem Altbestand ist familiäre Ehrensache. Schon ihr mittlerweile verstorbener Ehemann war als Bad Sodener Versandantiquar von kunstwissenschaftlichen Raritäten branchenweit bekannt.

Vorbei, unwiderruflich, ist jene Ära, in der die Einnahmen des Antiquariats alle Mietkosten abdeckten, in der „uns die Kunstbände aus den Händen gerissen wurden“. Schon lange stellen Marion von Nolting und Tochter Nina keine Büchertische mehr vor die Haustür. Ihren Nebenraum, in dem die schönen Altertümer im sanften Märzlicht still verharren, bezeichnen sie als „Büchermuseum“.

Bitterer Humor schwingt da mit, Trauer um das sorgsam und mit Sachverstand Gehegte. „Die Lage ist katastrophal“, sagt die Buchhändlerin.

Nicht alleine, dass Preise eingebrochen und Sammler von der Bildfläche verschwunden sind – „auch die Hingabe ans antiquarische Buch gibt es nicht mehr“. Wo der heutige Käufer nur einen Klick vom Online-Lieferanten entfernt ist, braucht es weder Wissen noch Weisheit, nicht einmal Kultur. Den alle Traditionen niederwalzenden Internetzug hat man hier ruhigen Gewissens abfahren lassen, auf eine eigene Website wird verzichtet. „Das können wir nicht stemmen“, sagt Nina von Nolting, die seit 2009 fest im Geschäft ist. Auf Kundenwunsch ordere man aber gerne Seltenes und Vergessenes bei den einschlägigen Plattformen.

Während die Buchhandlung immer wichtiger wurde, geriet das Antiquariat ins „Stiefkind“-Abseits. Dass die Liebe zum Entschwindenden hier aber eine starke ist, wird mit Eintritt ins verwunschene Kabinett offenbar. Ein Sofa, ein Fenster, die obligatorischen Regale, Tische, Leitertritte. Und – glücksverheißend! – das Gebundene in aberhundert Formen, Farben, Düften.

Viel angekauft, so das Nolting-Duo, habe man damals, stets auf das schöne Buch reagiert. Da also sind sie: die Titel des 19. und 20. Jahrhunderts, zugeordnet einer Themenvielfalt, die von „Kunst-Monographien“ über „Geschichte / Politik“ bis zu „Kinderbücher“ reicht.

Kein Schund, kein Schlamassel. Brav reihen sich Wieland, Schiller, Hebbel, reckt sich die „Sittengeschichte“ von Eduard Fuchs durch sechs Bände und alle Epochen. „Theatralische Landschaften“ weiten sich zum „Reutlinger Heimatbuch“, die „Psychologie des Weiblichen“ hält intime Zwiesprache mit dem „Frankfurter Wörterbuch“. Und weil jeder Band seine Herkunft und Geschichte hat, reißen die Anekdoten im antiquarischen Universum nie ab.

Stunden können bei Gespräch und Bücherberg zwanglos und wie im Fluge vergehen. Der Gast darf sich dem „Ungeheuer von Stierstadt“ (zur Ära Victor Otto Stomps, 80 Euro) anvertrauen, ungläubig den „Schlechtgefesselten Prometheus“ von 1909 (illustriert von P. Bonnard, 28 Euro) berühren, endlich die erste Ausgabe des ersten Lyrikbandes von Gerhard Neumann (mit Widmung und Signatur) vors staunende Auge heben. Und wer könnte ruhig bleiben im Angesicht der 1777 gedruckten „Historische Nachrichten und politische Betrachtungen über die französische Revolution“?

Nina und Marion von Nolting zumindest bewahren die Ruhe. „Wir sind eisern, was die Zukunft angeht.“ Weiterhin wird es – eine gute inmitten all der schlechten Nachrichten – in der Kumeliusstraße sagenhafte Bücher geben. „Das Antiquariat opfern wir nicht.“

Antiquariat Marion von Nolting, Kumeliusstraße 3 in Oberursel; Telefon: 06171/4624; Öffnungszeiten: montags bis donnerstags 9 bis 13.30 Uhr und 14.30 bis 18.30 Uhr, freitags von 9 bis 18.30 Uhr, samstags von 9 bis 13.30 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare