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Überall und nirgends zu Hause

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Das Lama-Baby Picolino ist der Publikumsliebling.
Das Lama-Baby Picolino ist der Publikumsliebling. © Privat

Oberursel Circus Ernst Renz reist mit Kamelen durchs Land / Gastspiel bis 8. Januar

Von Klaus Nissen

Gegen elf Uhr ist es noch ruhig im Circus Renz. Auf der matschigen Rolls Royce-Wiese stehen zwei Wohnwagen, ein Truck mit Strohballen, ein paar Anhänger, ein großes und ein kleineres Zelt. Direktor Ernst Renz bittet den Reporter in die noch kalte Manege. Er deutet in den Kreis und sagt: „Mein Bruder holt gerade frische Sägespäne. Die Feuchtigkeit drückt von unten durch.“ Doch insgesamt gefällt ihm das aktuelle Schmuddelwetter. Es sei so mild, dass die 300-Kilowatt-Zeltheizung halb so viel Öl verbrauche wie vor einem Jahr an diesem Standort. „Schnee ist Gift für einen Zirkus“. Dann trauten sich die Menschen nicht vor die Tür. Am zweiten Weihnachtsfeiertag dagegen sei der Weihnachtscirkus beinahe ausverkauft gewesen. 500 Zuschauer passen ins blau-gelbe Zweimastzelt.

Vor allem die kleinen Kinder garantieren das Überleben der Familie Renz. Sie kommen mit den Großeltern, mit Mama oder Papa wegen der Clowns und Artisten. Die Tiere faszinieren Kinder auch im Zeitalter des IPods, meint Ernst Renz. Zirkusse werde es geben, so lange es Kinder gibt.

Der 42-jährige Direktor und seine 38-jährige Frau Silvia tun ihr Bestes. Sie haben fünf Jungen und zwei Mädchen, die wie ihre Eltern überall und nirgends zu Hause sind. Unterrichtet werden sie dreimal wöchentlich ganztags in einem Unterrichtsmobil. Das Land Hessen schickt es zu den im Lande umher reisenden Schausteller- und Zirkuskindern.

Wenn keine Schule ist, müssen die Renz-Kinder im Zirkus mithelfen. Der 13-jährige Patrick und der 18-jährige Tino sitzen gerade im Tierzelt. Da reihen sich die mit Stroh ausgelegten Stallbuchten der sieben Araber-Pferde, der kleinen Lama-Herde und der mongolischen Kamele Szabo und Ivan. Patrick und Timo striegeln die mächtigen Höckertiere. In milden Wintern wie diesem löst sich schon früh der dichte braune Winterpelz. „Daran merken wir den Klimawandel“, meint Ernst Renz. Immer wieder versichert er, wie gut es den Tieren im Zirkus gehe. „Wir haben extra keinen Zaun um den Platz, damit jeder ins Tierzelt schauen kann.“ An jedem der etwa 40 Standorte einer Saison melde sich der Zirkus vorab bei der Veterinärbehörde an.

Der Name Renz ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits profitieren die Nachfahren des legendären Zirkusgründers Ernst Jakob Renz von dessen Mythos. Andererseits touren etwa zwölf Zweige der Familie Renz mit eigenen Zirkussen durch die Lande und machen sich gegenseitig Konkurrenz. Manchmal gibt es schlechte Nachrichten, für die Ernst Renz nichts kann, die ihn aber zur Verteidigung seines Berufsstandes zwingen. 2009 griff ein Bär aus dem Zirkus Universal Renz in Kassel einen Polizisten an und musste erschossen werden. „Wir haben hier keine Bären, keine Löwen und Tiger“, sagt Ernst Renz. Sein Zirkus wird zu den Oberurseler Vorstellungen auch so genug Zuschauer finden. Am 9. Januar zieht die Familie weiter nach Urberach, wo sie in einem Bauernhof das Winterquartier bezieht.

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