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Treibhäuser im Hessenpark

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Von: Olaf Velte

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Vor dem Wiederaufbau der Gärtnerei aus Rechtenbach dürfen Kita-Kinder schon mal Pflanzen sehen, die dort wachsen werden.
Vor dem Wiederaufbau der Gärtnerei aus Rechtenbach dürfen Kita-Kinder schon mal Pflanzen sehen, die dort wachsen werden. © Rolf Oeser

Eine Dorfgärtnerei aus Rechtenbach soll alte Pflanzen bewahren.

Noch ist die Stelle kahl und leer. Hier, unmittelbar hinter der ehemaligen Museumskasse und gegenüber dem Transformatorenhaus, soll sich in wenigen Monaten eine Dorfgärtnerei im Stile der 1950er Jahre erheben. Der Hessenpark wird dann das erste deutsche Freilichtmuseum mit einer Anlage dieser Art sein.

Die Wiedererrichtung auf dem 350 Quadratmeter messenden Ackerareal nebst neuer Nutzung gilt als eine der größten Aufgaben seit Jahren. Während des Spatenstichs verwies Museumsleiter Jens Scheller auf die „wunderbare Attraktion“, in der künftig alte und selten gewordene Kulturpflanzen aufgezogen werden sollen.

Darüber hinaus werden den aus dem mittelhessischen Rechtenbach stammenden Nutzbauten zwei weitere Rollen zugewiesen. So hat im oberen Teil der Baugruppe Mittelhessen die pädagogisch organisierte Einweisung ins pflanzliche Universum ab 2018 ihren Ort, im Jahr darauf wird der thematisch entsprechende Ausstellungsbetrieb beginnen.

Volker Weber, innerhalb des Parkgeländes für die Landwirtschaft zuständig, hat den Kontakt zur Rechtenbacher Gärtnerfamilie Weidmann hergestellt und das seit langem gesuchte und längst im Museumsleitbild verankerte Objekt gefunden. Nicht nur den aus heutigem Agraralltag verschwindenden Tierrassen soll der „Arche-Park“ bewahrende Heimat sein – auf dem Gelände am Taunushang können nach Fertigstellung der beiden Gewächshäuser und einiger Frühbeetkästen auch traditionelle Pflanzensorten kultiviert werden – eine Palette, die vormals in den bäuerlichen Gärten zu Nutz und Zier anzutreffen war, in unseren Gartencenter-Zeiten jedoch weitgehend verschwunden ist. Neben jungem Gemüse ist auch an die Aufzucht von Schnitt- und Topfblumen gedacht.

Dem Förderkreis des Hessenparks ist die Realisierung des bislang nur provisorisch getätigten Gärtnergewerbes zu verdanken: 130.000 Euro hat er bereitgestellt, 18.000 Euro an Spenden gesammelt.

Mit dem anstehenden Abbau der im Lahn-Dill-Kreis von drei Generationen bewirtschafteten Treibhäuser beginnt ein Zeitplan, dessen erster Abschnitt vor dem diesjährigen Winter endet: Erste Pflänzchen sollen sich dann hinter den typischen Glasscheiben witterungsunabhängig entwickeln. Notwendige Wärme liefert ein modernes Heizsystem – auch die meisten der aus dem Erbauungsjahr 1957 stammenden Scheiben werden ausgetauscht sein.

Auf den 70 Quadratmetern des ersten Rechtenbacher Gewächshauses entsteht eine Ausstellungsfläche, für deren Gestaltung der Museumswissenschaftler Carsten Sobik verantwortlich ist. „Wir gehen dabei von der Historie der Firma Weidmann aus.“ Die Voraussetzungen dürfen ideal genannt werden: Neben vielen Originalelementen hat sich eine fast lückenlose fotografische Dokumentation des Familienbetriebes erhalten. Das reicht von der Trockenlegung der 1955 angekauften Parzelle bis zu bierseligen Feierlichkeiten im gemütlichen Treibhaus-Ambiente.

Der von Darmstadt nach Wetzlar umsiedelnde Georg Weidmann ist es, der 1919 einen familiären Gärtnereigrundstein legt. Was sich ständig entwickelt und nach Rechtenbach verlagert, klingt 2005 aus.

Dem Volkskundler Sobik öffnet sich ein weites Feld. In den Blick rückt beispielsweise das wenig beleuchtete Handwerk des Friedhofsgärtners. Oder jene Erna Weidmann: In den Dreißigern kommt sie als erste deutsche Blumenbinde-Meisterin zu Ehren. Aspekte, die neben Themen wie „biologische Vielfalt und deren Erhalt“ in die Dauerausstellung einfließen werden.

Aus „Zementholz“ bestehen die originalen Frühbeetkästen, die den Außenbereich markieren. Eine Besonderheit im Innern des Pultdachhaues wird die ehrwürdige Koksheizung von Hersteller Buderus sein – wieder so eine spezielle Technik, deren Erklärung im Hessenpark nur angerissen werden kann. „Für erschöpfende Einlassungen fehlt der Platz.“

Carsten Sobik sieht die kommende „Ausstellungsarchitektur“ als Herausforderung an. Aus den alten Pflanztischen dürfen durchaus zeitgemäße Informationsträger werden. Und wenn sich die Besucher durch die historische Darstellung gearbeitet haben, können sie nebenan die Hände ins satte Erdreich stecken: Theorie und Praxis im befruchtenden Nebeneinander.

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