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Traum-Saison mit Hindernissen

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Die Handball-Damen der TSGO jubeln über ihren Aufstieg in die 3. Liga, ein paar Herren über ihren in die Landesliga.
Die Handball-Damen der TSGO jubeln über ihren Aufstieg in die 3. Liga, ein paar Herren über ihren in die Landesliga. © jürgen streicher

Die TSG Oberursel war von der Umwandlung der Halle der Erich-Kästner-Schule zur Flüchtlingsnotunterkunft betroffen. Trotz der Einschränkungen werden zwei Handballteams Meister. Für einen Flüchtling wird die TSG zur sportlichen Heimat.

Von Jürgen Streicher

Heimat wäre eine übertriebene Bezeichnung für das, was Raman Issa in der alten Grundschule Stierstadt gefunden hat. Aber ein vorläufiges Zuhause fern vom Bürgerkrieg. Mit fünf anderen in einem Zimmer. Im Herbst 2015 ist der junge Syrer dort angekommen. Eine Schwester ist im westfälischen Münster gelandet, ein Bruder in Berlin. Seit Ende Dezember hat er einen vorläufigen Aufenthaltstitel, er besucht einen Deutschkurs.

Eine kleine, aber für ihn ganz wichtige sportliche Heimat hat Raman Issa bei der Turn- und Sportgemeinde Oberursel (TSGO) gefunden. „Er wünscht sich nichts mehr, als auch in Deutschland Handball zu spielen“, hat die Flüchtlingsbetreuerin gesagt, als sie bei TSGO-Geschäftsführerin Jutta Stahl vorsprach. Das war im Spätherbst. Raman Issa wurde mit Sportsgeist und offenen Armen aufgenommen.

Eine der leichtesten Aufgaben von Jutta Stahl. Sie ist keine, die jammert. Zupacken, Lösungen finden, irgendwie vorwärtsgehen. Kämpfen, wie früher als Handballerin auf dem Feld und seit vielen Jahren als Trainerin erfolgreicher Jugendmannschaften.

Als an einem Freitag Anfang Oktober die Aufforderung zur Räumung der Sporthallen der Erich-Kästner-Schule (EKS) kam, weil aus dem sportlichen Wohnzimmer der TSGO-Handballer eine Notunterkunft für Flüchtlinge werden sollte, war schnelles Handeln und Organisationstalent gefragt. Am gleichen Wochenende, sonntags in aller Frühe, standen 40 Handballer auf der Matte, um Schränke und Lager auszuräumen. Mitten in der Nacht hatte es TSGO-Hallenmanager Thomas Mair geschafft, den vorgesehenen Wettkampftag in eine andere Halle zu verlegen, Bundeswehr und andere Helfer kamen früher als zunächst angekündigt.

Meisterin im Improvisieren

Die TSGO erwies sich als Meisterin im Improvisieren. Mittendrin Jutta Stahl, die unzählige Gespräche mit Stadt und Kreis, Schulen und Vereinen führte, um einen erträglichen Trainingsplan für die zeitlich unbegrenzte „Übergangszeit“ zu stricken. Auch wenn es dann drei Teams gleichzeitig in einer Halle sein mussten, jeweils eine pro Hälfte und die dritte am Seitenrand.

Zusammenrücken in doppelter Hinsicht war das Gebot der Zeit. „Wir arrangieren uns mit der Situation und wollen nicht meckern“, so Damentrainer Dirk Lodders, der sich die Vorbereitung auf hohe sportliche Ziele in der Oberliga anders vorgestellt hatte. Jede angebotene Trainingszeit in Hallen befreundeter Nachbarvereine in Steinbach, Kronberg, Königstein oder Wehrheim wurde dankbar angenommen.

Trotz der Engpässe durch die aktuelle Situation war die Integration von Flüchtlingen mit sportlichen Angebote immer ein Thema beim größten Sportverein der Stadt. „Wir können einen Grundrahmen schaffen, zum Teil auch individuelle Lösungen“, so TSGO-Präsident Carsten Trumpp.

Für Raman Issa etwa, für ihn waren die Handballer ein Glücksgriff. Handball ist sein Sport. Sein Geschenk zum 21. Geburtstag im November war die Aufnahme in die zweite Männermannschaft der TSGO. Seitdem wurde Raman Issa von Trainer Chris Ormond stets zum Training in Kronberg abgeholt, seit Januar hat er eine offizielle Spielberechtigung vom Hessischen Handballverband und gehört fest zum Team.

„Raman ist ein wertvoller Bestandteil der Mannschaft geworden und gut integriert“, lobt Coach Ormond das Talent seines neuen Akteurs. „Er ist immer im Training, technisch richtig gut, macht in jedem Spiel seine Tore und wäre bestimmt auch was für die erste Mannschaft.“ Die Heimspielpremiere war ein kleines Fest für seinen syrischen Fanclub. Ein Transparent haben sie da ausgerollt, „Danke TSGO – Danke Oberursel“ stand darauf. Eine Aktion, die auch Jutta Stahl sehr gefreut hat.

Die harte Zeit für die TSGO-Handballer ist nun erstmal vorbei. Seit dem Wochenende sind sie zurück in der Halle. Und wie! Trotz aller widrigen Umstände wurde die Rückkehr zur doppelten Meisterschaftsfeier vor rund 800 Zuschauern. Mit ihrem Sieg gegen die Sportunion Mühlheim (33:19) schafften die Frauen als reines Amateurteam den Sprung in die 3. Bundesliga, die dritthöchste deutsche Spielklasse. Und die Männer sind nach dem Derbysieg gegen Anspach/Usingen (32:17) Meister und Aufsteiger in die Landesliga.

Plakatwände in der Stadt verkünden die hohen Ziele seit ein paar Wochen. „Wir schwimmen auf der Erfolgswelle, Handball steht im Blickpunkt“, freut sich Jutta Stahl. Im Lokalen durch die TSGO-Handballteams, bundesweit durch den Sieg der Männer bei der Europameisterschaft. Auch davon profitiert der Verein der Turn- und Sportgemeinde Oberursel mit mittlerweile über 400 Mitgliedern, 17 Jugendmannschaften und vier Erwachsenenteams. „Die Eltern rennen uns die Bude ein“, so Stahl. Drei „Mini-Teams“ gibt es, jede Woche kommen neue Kinder dazu.

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