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„Tragkraft nicht ausreizen“

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Wie eine Falltür: In der Silversternacht gab in Bad Homburg der Boden eines Balkons nach.
Wie eine Falltür: In der Silversternacht gab in Bad Homburg der Boden eines Balkons nach. © Gerhard Rhode

Vier Menschen brechen mit dem Boden eines Balkons ein - ein Gutachter gibt Hinweise auf Gefahren und weist auf die Pflichten von Mietern hin.

Vier Menschen sind in Bad Homburg verletzt worden, als in der Silvesternacht ein Balkon einbrach. Der Boden hatte plötzlich nachgegeben.

Herr Jüttemann, wenn ich einen Aufzug betrete, sehe ich sofort, für wie viele Personen er zugelassen ist. Bei Balkonen nicht. Wäre auch dort ein Schild sinnvoll?

Nein, das braucht man nicht. Wir haben dafür Normen, die eine sehr hohe Tragkraft vorschreiben. Das liegt daran, dass früher im Winter auf den Balkonen vielerorts die Kohlen oder das Brennholz gelagert wurden.

Was sollte ein Balkon aushalten?

400 Kilogramm auf einen Quadratmeter. Das sind fünf Personen mit jeweils 80 Kilogramm. Da muss man also schon ziemlich dicht stehen, um das zu erreichen.

Bei einer Party kann das aber schon vorkommen. Wenn ich noch eine Kiste Sekt hinstelle, kann es dann kritisch werden?

Auch das sollte der Balkon noch aushalten, in den Lastannahmen sind noch Sicherheiten vorhanden. Aber man sollte das nicht ausreizen.

Macht es einen Unterschied, ob der Balkon aus Holz, Stahl oder Beton ist?

Was die Tragfähigkeit angeht, sind die Normen für alle gleich.

Dann kann eigentlich gar nichts passieren?

Problematisch kann es werden, wenn jemand auf Dachterrassen oder Balkonen einen Whirlpool oder Ähnliches aufstellt. Schon eine Wasserhöhe von 40 Zentimeter entspricht einer Last von 400 Kilogramm je Quadratmeter.Das erreicht man ja mit einem ordentlichen Planschbecken. Die macht man wegen der Kinder meist nicht so hoch voll. Aber wenn dann im Sommer ein paar Erwachsene da ihre Füße drin kühlen …

Also Vorsicht mit den Beachpartys auf Balkonien. Passiert eigentlich häufiger ein Unglück mit nachgebenden Balkonen?

Eher selten. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man auch, dass es irgendeine bestimmte Ursache gegeben haben muss. Meistens liegt das an eindringendem Wasser, das die Bausubstanz nachhaltig geschädigt hat, oder bei Holz an der Fäulnis.

Kann ich als Laie die Gefahr erkennen?

Konkrete Hinweise bei einer Betonkonstruktion sind Ausblühungen. Oder wenn Stücke abplatzen. Das liegt meistens daran, dass der Stahl im Inneren des Betons rostet. Rostflecken und Risse sind auch immer ein deutlicher Hinweis auf Schäden.

Und bei Stahl oder Holz?

Bei den Stahlbalkonen ist der Rost meistens schnell zu sehen. Bei Holz muss man ohnehin regelmäßig die Tragfähigkeit prüfen. Am besten prüft man die einzelnen Dielen, indem man kräftig draufspringt. Spätestens nach 20 Jahren muss Holz meist erneuert werden.

Was ist eigentlich mit den Geländern, die brechen ja auch immer mal durch?

Die müssen eine horizontale Belastung von 50 Kilogramm je Meter aushalten. Wenn auf einem Balkon Gedränge ist und vielleicht noch jemand schubst, kann das schnell erreicht werden. Auch da sollte man sich der Grenzen der Belastbarkeit bewusst sein.

Wer haftet bei einem Unglück?

Wir haben ja für Häuser keinen TÜV wie für Autos. In der Regel ist es der Eigentümer, der verantwortlich ist. Der kann sich natürlich schadlos halten, wenn etwa der Architekt oder der Statiker einen Fehler gemacht haben.

Und der Mieter?

Der hat zumindest eine Hinweispflicht. Wenn er über Jahre verschweigt, dass da Beton abspringt, Risse entstanden sind oder das Holz fault, und es passiert etwas, trägt er zumindest eine Mitschuld.

Kann auch innerhalb eines Gebäudes die Decke brechen?

Davon habe ich bei uns noch nie gehört. Decken sind vor der Witterung geschützt und liegen anders als viele Balkone auch an vier Seiten auf.

Wie sieht es da aus mit Whirlpools oder Wasserbetten?

Eine Party mit Whirlpool könnte schon kritisch werden. Bei Wasserbetten ist dagegen die Zahl der Nutzer meist kleiner. Im Zweifel fragt man einen Statiker.

Das Interview führte Peter Hanack

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