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„Die Tiere verletzen sich“

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Der Förster Günter Busch spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Winterfütterung und Spaziergänger, die das Wild im verschneiten Wald aufscheuchen.

Herr Busch, seit Wochen ist der Wald tief verschneit. Zeitweise lag der Schnee knietief. Füttern Sie derzeit das Wild im Stadtwald?

Günter Busch: Ja, weil der Schnee außergewöhnlich hoch liegt. Mit Heu, Apfeltrester oder Zuckerrüben. Wir legen sie nur in strengen Wintern an immer den gleichen Stellen aus. Das Wild findet sie, wenn es starken Hunger hat.

Die Jäger nennen das „kirren“. Die Tiere werden mit Futter angelockt und dann geschossen.

Kirren ist eine Lockfütterung, um Wildschweine zu erlegen. Aber im Moment wird nicht gejagt. Nicht einmal ich kam an den Tagen des hohen Schnees in den Wald. Auch nicht mit dem Geländewagen.

Ist es sinnvoll, als Tierfreund selbst Futter auszulegen?

Einige machen das. Sie meinen es gut, erreichen aber das Gegenteil. Wenn man altes Brot auslegt, ist es bei Frost gefroren und somit ungenießbar. Und bei Tauwetter setzt sofort die Schimmelbildung ein. Wenn die Rehe oder Hirsche es fressen, bekommen sie Durchfall und sind bald hin.

Was also tun, damit das Wild im Wald auch bei dieser Witterung nicht verhungert?

Es verhungert nicht so schnell. Das Wild kann seinen Stoffwechsel reduzieren. Die Rehe und Hirsche bleiben über Tage wie angewurzelt stehen. In einer Schonung, die windgeschützt ist. Da knabbern sie an den Knospen von jungen Bäumen.

Die Wildschweine können sich bis zum Gras durchwühlen?

Sicher. Der Boden ist ja durch den Schnee isoliert und nicht sehr stark gefroren. Deswegen kommen die Schweine relativ gut an Nahrung heran. Alle Wildtiere fressen sich außerdem im Spätsommer und Herbst ein Fettdepot an. Das verzehren sie jetzt.

Wie ergeht es den Rebhühnern oder Niederwild wie Hasen und Kaninchen? Die haben doch mehr Probleme, an Nahrung heranzukommen?

Rebhühner haben wir kaum hier. Und die Hasen finden immer noch niedrige Knospen, die sie anknabbern können.

Sie können sich aber nicht durch den hohen Schnee bewegen.

Schon. Aber sie spüren, wenn der Schnee kommt und suchen sich Ecken, an denen sie immer noch Nahrung finden. Natürlich gibt es einzelne Tiere, die im Winter sterben. Aber das ist eben die Natur. Die Schwachen hätten über kurz oder lang sowieso nicht überlebt. Der Winter beschleunigt das nur. Das gesunde Wild hat Winter wie diesen schon seit vielen Jahrtausenden überstanden. In Russland oder Skandinavien überwintert es bei 30 Grad Minus. Die akute Gefahr geht eher vom Menschen aus.

Wieso?

Wenn er jetzt in den Wäldern unterwegs ist – und es gibt nach wie vor Unvernünftige, die sogar mit Mountainbikes durch den Wald fahren oder mit Langlaufskiern querfeldein fahren – dann schreckt er das Wild auf. Es muss schlagartig seinen Stoffwechsel hochfahren, um zu fliehen. Dabei verbrauchen die Tiere sehr viel Energie. Wenn so ein Notstart mehrfach passiert, ist das lebensbedrohlich für das Wild.

Sie fordern also die Menschen auf, den Wald zu meiden?

Er ist sowieso für Spaziergänger weitgehend unpassierbar. Wir haben in dieser Woche nur ein paar Wege freigeschoben, auf denen man jetzt unbedenklich laufen kann. Das sind die Verbindungswege von der Saalburg zum Hirschgarten und der Rotlaufweg von der Saalburg runter zum Waldfriedhof.

Ab dem Weihnachtstag soll es ja wieder frostig werden. Der Altschnee verharscht und wird von Neuschnee überdeckt. Ist das für die Waldtiere problematisch?

Ja. Sie haben ja keine Stiefel wie wir. Wenn sie über den Schnee laufen und immer wieder einbrechen, verbrauchen sie viel Energie. Und die Eisschicht ist so scharf wie gebrochenes Glas. Die Tiere verletzen sich und bekommen Infektionen.

Interview: Klaus Nissen

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