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Muslima zeigen sich auch vor Frauen nicht nackt. Mädchen beim Schwimmen in Höchst.
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Muslima zeigen sich auch vor Frauen nicht nackt. Mädchen beim Schwimmen in Höchst.

Bad Homburg

Ein Teil der Gesellschaft

  • VonAndrea Herzig
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In Bad Homburg wird gegen die Einführung des Frauenschwimmens im Seedammbad gewettert. Was fehlt, ist ein Gespräch mit den Frauen, die Sonderzeiten wünschen. Im Oberurseler Taunabad erklären Frauen, weshalb sie nicht mit Männern gemeinsam schwimmen wollen.

Im 32 Grad warmen Nichtschwimmerbecken ist das Gekreisch am größten. Vier Frauen toben mit ihren Kindern, die meisten im Kindergartenalter. Ein dünner Junge mit Schwimmflügeln, vielleicht fünf, ist der einzige männliche Badegast, später kommt ein zweiter dazu. Der Bub bespritzt seine Mama, die eine schwarze Schwimmleggins bis an die Knöchel und eine langärmlige schwarz-lila Tunika trägt.

Andere Frauen, gut 50 große und kleine Menschen sind zu diesem Zeitpunkt in den Becken, tragen Badeanzüge mit Shorts, die kurz über dem Knie enden. Manche haben großzügig geschnittene Zweiteiler an. Zwei blonde, mittelalte Damen ziehen ihre Bahnen im Schwimmerbecken in konventionellen Badeanzügen. Sie sehen nicht nach Muslimas aus, aber solche Einschätzungen können täuschen.

Bis auf die gehäuft etwas andere Kleiderordnung ein ganz normaler Badebetrieb. Die Frauen schwimmen, springen vom Turm, üben Startsprünge, hängen quatschend am Rand. Zwei Mädchen machen Schwimmabzeichen. Auf der Bahn am Beckenrand probieren ein Dutzend Frauen den Froschschlag. Sie sacken ab auf ihren Schwimmbrettern und lachen. Im Januar startete der Schwimmclub Oberursel mit dem Frauenkurs. Bis zur Perfektion werden es die Teilnehmerinnen nicht mehr schaffen vor der Frauenschwimm-Pause während des Sommers. Wo werden sie weiterüben?

Muslimas, die die Vorschriften ihrer Religion genau nehmen, wollen nicht auf fremde, halbnackte Männer blicken und sie auch nicht aus Versehen beim Schwimmen berühren. Das erklären die Frauen im Bad bereitwillig – wenn man sie fragt. Nacktheit ist auch zwischen Frauen tabu. Es gibt eine Zone vom Bauchnabel bis zu den Knien, erklärt eine Besucherin, die sollte selbst unter Frauen bedeckt sein.

Die Ernährungswissenschaftlerin aus Eschborn ist mit ihrer Tochter und einer befreundeten Lehrerin hier. Gerade ist sie dynamisch vom Dreimeterbrett ins Wasser gesprungen, der Sport im Wasser macht der jungen Deutschen sichtbar Spaß. „Ich nutze jede Gelegenheit“, sagt die 29-Jährige, „und würde auch nachts zum Schwimmen kommen“. Es sei nicht einfach, als Muslima Sport zu treiben, Fitnessstudios für Frauen sind rar, weit weg – oder teuer.

Eine lebhafte 45-jährige Bad Homburgerin, die in der Türkei geboren ist, freut sich über die Aussicht auf ein Angebot im Seedammbad, doch als sie die geplanten Zeiten hört, ist sie enttäuscht. „Wir wollen doch mit den Kindern baden“, sagt sie. Mittwochabend gehe das nicht, die Kinder müssten ins Bett.

Ihren Mann würde sie nicht schicken. Auch ihm sei der Anblick von fremden Frauen in Badekleidung unangenehm. Und er könne nicht schwimmen. Für ihre zwei Töchter habe sie viel Geld ausgegeben, damit sie in privaten Kursen schwimmen lernen konnten.

Eine Mutter mit einem Dreijährigen freut sich über die frühen Öffnungszeiten an diesem Sonntag, sie wird auch nach zehn Uhr noch im Bad zu sehen sein. Ein paar Meter weiter spornt eine junge Frau im Zweiteiler ihre Tochter an. Die Sechsjährige macht ihr silbernes Abzeichen. Das Gleiten unter Wasser klappt noch nicht so, die Schwimmmeisterin gibt Tipps. Warum kommt diese Mutter heute so früh mit ihrer Tochter? „Na, weil ich sonst ein Kopftuch trage“, sagt die junge Frau mit einem leichten Brandenburger Akzent. Ihre Tochter hat die 29-Jährige beim Synchronschwimmen angemeldet.

Die Mutter ist eine leidenschaftliche Schwimmerin und lässt sich nicht abhalten, in bedeckender Bekleidung in öffentliche Bäder zu gehen. Aber so sei es auch mal schön, lacht sie und zeigt auf ihr Outfit.

Zwei Mädchen aus Oberursel, 13 und 16 Jahre alt, tummeln sich am Rand des Schwimmerbeckens. Ihre Schwimmkünste sind mäßig, sie haben sie nicht trainiert. Schwimmen mit Jungs? Die Mädchen schütteln energisch den Kopf. „Das ist wie Urlaub“, freuen sich die beiden über das Wasser; es wäre so schön, wenn es einen ganzen Tag für Frauen gäbe.

Das Bad ist ein geschützter Raum. Die Frauen verlassen sich darauf, dass der Angestellte an der Kasse nicht hinter die Schranke tritt. Um Vertrauen geht es auch Touria Hieronymus aus Bad Homburg. Die gebürtige Marokkanerin hat bei den Internationalen Frauenzimmern eine Liste unterschrieben, mit der ein Frauentermin im Seedammbad gefordert wird. Dass der Betriebsleiter kein ausschließlich weibliches Personal garantieren kann, könnte die Frauen fernhalten. Die 50-Jährige verzieht das Gesicht. Sie akzeptiere, dies sei Deutschland, es gebe Freiheit, aber auch sie sei doch ein Teil der Gesellschaft.

Es ist 20 vor zehn. Das Bad leert sich schnell, die Frauen fürchten, Männer könnten vor der Zeit die Umkleide betreten, wenn sie noch nicht fertig sind. Um zehn kommen am Sonntag die Väter mit ihren Kindern. Sie warten schon vor der Tür.

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