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In Grävenwiesbach gab es kaum Protest.

Grävenwiesbach

Grävenwiesbach: Strom für 13 000 Haushalte

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Im Taunus herrscht bei neuen Windrädern Flaute - mit einer Ausnahme. Der Bürgermeister erklärt, wie das möglich war.

Ob auf der Hohen Wurzel bei Wiesbaden, in Schmitten oder am Langhals bei Neu-Anspach. Egal, wo in den vergangenen Jahren im Taunusgebiet neue Windräder entstehen sollten, waren massive Proteste die Folge. Ergebnis: Kaum eine neue Anlage wird gebaut. Vor allem das Zentrum des Mittelgebirges, die beiden Landkreisen Hochtaunus und Main-Taunus, sind nach einer Auflistung des Regierungspräsidiums Darmstadt bislang fast windradfreie Zone. Lediglich sieben Rotoren drehen sich dort – alle bei Weilrod.

Diese Zahl wird sich nun auf einen Schlag nahezu verdoppeln. Denn in Grävenwiesbach haben die Arbeiten für den Windpark „Siegfriedeiche“ begonnen. Sechs Anlagen mir einer Höhe von jeweils 199 Metern sollen dort bis zum kommenden Frühjahr entstehen. Bauherr ist die MVV Windenergie Deutschland GmbH, Betreiber wird die Windwärts Energie GmbH sein, beides Tochterunternehmen der Mannheimer MVV-Gruppe.

Widerstand gab es auch gegen dieses Projekt. Eine Bürgerinitiative war vor den Hessischen Verwaltungsgerichtshof gezogen, aber der hatte die Beschwerde Anfang dieses Jahres zurückgewiesen. Viel Wirbel habe das vor Ort nicht ausgelöst, sagt Grävenwiesbachs Bürgermeister Roland Seel (SPD). Ohnehin habe sich der Protest in der 5700-Einwohner-Gemeinde von Anfang an in Grenzen gehalten. Weder gab es Demonstrationen noch Unterschriften-Aktionen. Einige kritische Leserbriefe seien erschienen. „Und ich bin auch mal auf der Straße angesprochen worden“, sagt Seel. „Aber alles sehr sachlich.“

Wie das gelungen ist? „Wir haben das Thema seriös aufgegriffen“, sagt Roland Seel. Anstatt darauf zu warten, dass Windrad-Betreiber sich Grundstücke sichern und dann bei der Gemeinde vorstellig werden, habe man es umgekehrt gemacht. Über ein Interessenbekundungsverfahren hatte die Gemeinde selbst die Angel ausgeworfen. Politisch umstritten war das nicht. Der Grundsatzbeschluss in der Gemeindevertretung erfolgte 2013 einstimmig.

Sieben Bieter meldeten sich, am Ende blieb das Unternehmen Windwärts übrig. Auf diese Weise sei es auch möglich gewesen, die Anlagen auf ein Gebiet zu konzentrieren. „Wir wollten eine Verspargelung verhindern“, erläutert Seel. Ein Areal an der Grenze zu Usingen sei wegen eines Schwarzstorch-Vorkommens ausgeschlossen worden. Also blieb die Fläche Siegfriedeiche an der Straße nach Waldsolms übrig.

Er habe sich von Anfang an bemüht, das Thema offen zu kommunizieren, sagt der Bürgermeister, der die Akten zu dem Thema griffbereit in seinem Büroschrank hat. Zu einer Informationsveranstaltung, bei der Windwärts seine Pläne vorstellte, seien mehr als 100 Menschen gekommen. Das Pro und Contra habe sich die Waage gehalten.

Einige Bürger dürfte überzeugt haben, dass die kleine Gemeinde finanziell von den Windrädern profitiert. Mit zusätzlichen Einnahmen von rund 125 000 Euro rechnet Roland Seel pro Jahr. Außerdem hat der Betreiber zugesagt, dass sich Privatpersonen an den Anlagen beteiligen können (siehe Info-Kasten).

Nach der Kalkulation der MVV werden die sechs Windräder an der Siegfriedeiche pro Jahr 40 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren. Das entspricht dem Bedarf von 13 000 Haushalten. Seit 2018 liegt die Baugenehmigung vor. Aktuell sind Arbeiter dabei, im Wald die Stellflächen für die Kräne herzurichten. Im Oktober soll der Bau der Windräder beginnen. Im März 2020 sollen sie fertig sein.

Für Roland Seel führt am Ausbau erneuerbarer Energien kein Weg vorbei – auch im Taunus. „Wir können nicht allgemein sagen, wir sind für die Energiewende, und vor Ort sind wir dagegen.“ Auf dem Taunuskamm selbst möchte aber auch er keine Rotoren sehen. „Ich weiß nicht, ob das so prickelnd ist.“

Tipps

Stromanbieter wechseln: Wer zu einem Ökostromanbieter wechselt, unterstützt die Energiewende. Das geht einfach und schnell online bei Unternehmen wie Naturstrom, Greenpeace Energy oder Die Bürgerwerke. Zertifizierte Anbieter lassen sich unter www.gruenerstromlabel.de finden.

Finanziell beteiligen: Bürger sollen sich am Windpark Siegfriedeiche beteiligen können. Die MVV Windenergie Deutschland GmbH und ihr Tochterunternehmen Windwärts planen, einen Sparbrief mit fester Verzinsung und einer vorab definierten Laufzeit aufzulegen. Dabei wollen sie mit einem lokalen oder regionalen Geldinstitut zusammenarbeiten. Noch stehen aber weder der Ausgabetermin noch die genauen Konditionen fest.

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