+
Bäume aus den Taunuswäldern verarbeiten Arbeiter wie Dietmar Sommer im Wehrheimer Sägewerk.

Wehrheim

Die letzte große Taunussäge

  • schließen

Seit 130 Jahren verarbeitet Holz-Jäger in Wehrheim alles, was in den hiesigen Wäldern wächst. Und auch das wahrscheinlich nicht mehr lange. Denn Besitzer Joachim Christ findet keinen Nachfolger.

Die Liebe zum Holz hat bisher über alle wirtschaftlichen Schwierigkeiten gesiegt. Noch einige Jahre wird die Zuneigung tragen, dann ist Schluss mit dem Sägebetrieb in Wehrheim. Voraussichtlich. Besitzer Joachim Christ ist 62 Jahre alt und kein Nachfolger ist in Sicht. Eine 130-jährige Geschichte würde dann enden, und im Umkreis von fast hundert Kilometern gäbe es kein Sägewerk mehr.

Während es vor fünfzig Jahren noch etwa viertausend Betriebe in Deutschland gab, finden sich heute nur noch halb so viele. "Eine Zweiklassengesellschaft hat sich entwickelt", sagt Meister Christ, der seit 45 Jahren im Beruf ist. Neben den lokal wirkenden kleinen Firmen gebe es die "Giganten" mit ihrer Massenproduktion für den internationalen Markt. Die Wirtschaftskrise habe seit Beginn des Jahres gerade die Großbetriebe mit voller Wucht erwischt. Die Exporte seien zusammengebrochen, Lagerbestände zu Dumpingpreisen hätten den Markt überschwemmt.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die deutsche Schnittholzproduktion im Januar 2009 gegenüber dem Vormonat um 34 Prozent gesunken. "Tendenz fallend", sagt Christ.

Die Situation scheint ihn nicht in Panik zu stürzen - in Wehrheim waren schon härtere Herausforderungen zu meistern. Im März vor vier Jahren hatte ein Großbrand den gesamten Betrieb zerstört. Es war keine leichte Entscheidung, aber im Sommer 2006 ging es weiter, mit neuer Halle auf den alten Fundamenten. Seitdem können mit der Blockbandsäge computergestützt auch ausgefallene Maße geschnitten werden. Diese Spezialarbeiten sind das Pfund, mit dem Christ heute wuchern kann.

Als Vorteile seines Vier-Mann-Betriebes nennt der Sägewerker "Schnelligkeit, Flexibilität und Pünktlichkeit". Zu den Kunden zählen Zimmereien, Möbelfabriken, Privatleute aus dem nahen Umland. Im Frühjahr wird traditionell Holz für die Möbelherstellung geschnitten. Die Wehrheimer verarbeiten alles, was in den hiesigen Wäldern wächst: Fichten für das Bauwesen, Buchen, Eschen und Eichen für Möbel und Treppen, auch Lärchen, Kiefern und Douglasien. Aus minderen Qualitäten werden Paletten und Kisten.

In den 70er und 80er Jahren wurden jährlich knapp achttausend Festmeter Holz geschnitten. Ein Festmeter lässt sich aus einem etwa siebzehn Meter langen Stamm gewinnen, der einen mittleren Durchmesser von 28 Zentimetern hat.

Überall im Hintertaunus gab es damals Sägewerke, in manchen Ortschaften waren sogar drei oder vier ansässig. Dazu noch viele Zimmerer. Der Bau boomte. Diese Zeiten sind als goldene Jahre der Branche mittlerweile längst Geschichte. Im Christschen Handelssägewerk gehen heute drei- bis viertausend Festmeter jährlich übers Förderwerk. 2008 kostete ein Festmeter bester Eiche über 400 Euro, gute Buchenqualität erreichte 120 Euro. Die Fichte lag bei 80 Euro - bis heute ist sie auf 60 gefallen.

Mit Christian Jäger, der ab 1879 in Wehrheim sein Wagner-Handwerk ausübte, fing alles an. Sohn Heinrich Jäger übernahm 1913 das Geschäft in der Vogelsangstraße und integrierte eine Kreissäge, um das Holz für die Herstellung von Rädern und Wagen selbst zu schneiden. Angetrieben von einem Dieselmotor sorgte vierzehn Jahre später eine neue Rahmen-Säge, das so genannte Gatter, für Furore im Dorf. Ende der 30er Jahre gab es auch Kreissäge- und Hobelmaschinen, eine Absauganlage und eine große Dampfmaschine im Betrieb. Die zehn Arbeiter mussten die Stämme mit Pferde-Fuhrwerken noch selbst aus dem Forst holen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die beiden Schwiegersöhne Adolf Kraut und Ernst Christ und weiteten die Aktivitäten aus. 1963 begann Joachim Christ die Lehrzeit als Sägewerker. Nach vier Jahren auf der Walz verlegte er das Sägewerk an den Ortsrand. Anfang der 70er Jahre startete die Produktion am Kappengraben. Vierzehn Leute schnitten, hobelten, imprägnierten und schichteten in erster Linie Bauhölzer. Seit 1976 gehört zur Firma Holz-Jäger auch ein Fachmarkt, der von Bruder Martin Christ geleitet wird. Noch immer fährt Joachim Christ regelmäßig in den Wald, um die Bäume zu begutachten, die für ihn gefällt wurden. Die Liebe zum Holz ist seine Berufung. "Solch ein Betrieb ist ein Leben - das lebst du."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare