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Die Stärken Behinderter fördern

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Initiator Norbert Dickopf (r.) und Bewohner Walter Elbrecht am Alfred-Delp-Haus in Oberursel.
Initiator Norbert Dickopf (r.) und Bewohner Walter Elbrecht am Alfred-Delp-Haus in Oberursel. © FR/Surrey

Seit 30 Jahren ermöglicht das Wohnhilfswerk im Alfred-Delp-Haus behinderten Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Von Meike Kolodziejczyk

Von Von Meike Kolodziejczyk

Sie mag Kino und Songs der Band Linkin Park. Die komplette Tür zum Badezimmer ist mit Postern tapeziert. An die Zimmertür hat sie Fotos ihrer Familie und Freunde gepinnt. Und von Foxterrier Fendy. Tiere mag sie nämlich auch. "Aber wenn die Nachbarshunde nerven, drehe ich die Musik laut." Linkin Park gegen Gebell.

Seit anderthalb Jahren wohnt Sarah Winter im Alfred-Delp-Haus, ihr kleines Appartement hat sie selbst eingerichtet. "Es ist aber gerade nicht aufgeräumt", entschuldigt sich die 23-Jährige. Dabei liegen bloß ein paar leere Getränkeflaschen in der Ecke. Doch auch die sind spätestens am Sonntag weg. Dann steigt auf dem Gelände das große Sommerfest zum 30-jährigen Bestehen des Wohnhilfswerks für behinderte Menschen.

Ohne den 1979 gegründeten Verein und das ehrenamtliche Engagement seiner Mitglieder gäbe es das Alfred-Delp-Haus wohl gar nicht. So wie es das Hilfswerk ohne seinen Vorsitzenden, den Arzt Norbert Dickopf, nicht gäbe. Er hat den Stein ins Rollen gebracht, als sein Sohn Ralph 17 Jahre alt war - von Geburt an schwer geistig behindert. 1981 starb der Junge. "Damals gab es im Hochtaunuskreis keine vernünftige Betreuungsmöglichkeit für Erwachsene mit geistiger Behinderung", erinnert sich Dickopf. Die nächsten Heime seien zu weit entfernt, zu groß, zu anonym gewesen. "Nähe zu den Eltern und Wohnen in familienähnlicher Atmosphäre", das war dagegen seine Idee, die ihm eines Nachts den Schlaf raubte. Prompt schrieb er sie auf und schickte Briefe an sämtliche Bekannte. "Jede Reaktion war positiv." Und das Wohnhilfswerk begründet. 1985 begann der Bau des Alfred-Delp-Hauses.

"Ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen", das sei die Devise, das pädagogische Konzept der Einrichtung, sagt Heimleiter Stefan Solf. "Dabei setzen wir bei den Stärken der Menschen, nicht ihren Schwächen an." Normalisierungsprinzip nennt sich das Ganze etwas sperrig: Je nach Grad ihrer Behinderung dürfen sich die Bewohner weitgehend aussuchen, was sie in ihrer Freizeit machen, wann sie kochen oder einkaufen, wo sie mit wem zusammen sein und wie sie ihr Leben gestalten möchten. Sie sind eigenständig und damit auch gefordert. Wie "normale" Menschen eben.

Es wirkt auch alles ganz "normal" im Alfred-Delp-Haus, eigentlich sogar besser als "normal". Es sieht jedenfalls nicht wie in einem Heim aus, eher wie in einem Feriendorf. So ist das Haus gar kein Haus, sondern ein Ensemble aus mehreren einstöckigen, barrierefreien Bungalows, darunter fünf Wohngebäude für je elf bis 13 Menschen. Dazwischen Wege, Wiesen, Bäume, Blumen. Dunkelrote Backsteine und viel Holz strömen Wärme und Behaglichkeit aus. Jedes Haus hat eine große Gemeinschaftsküche und ein Wohnzimmer mit Sofas, Tischen, Bücherregalen. In manchen steht auch ein Kicker.

Bärbel Reis hält es eher mit dem richtigen Fußball. Draußen, hinter der Glastür, die von ihrem Zimmer direkt in den Garten führt, steht ein kleines Tor auf dem Rasen. Ob sie dort selbst spielt? Die Frau mit Down-Syndrom schüttelt lachend den Kopf. Sie ist bloß ein großer Fan des FC Bayern, von dem sie ein Trikot trägt. Jetzt schaut sie erst mal nach, wo ihre beste Freundin steckt. Doch im Aufenthaltsraum sitzen nur Christian Lenz und seine Freundin Sabine. Die meisten Bewohner sind noch nicht aus der Werkstatt zurück.

Betreutes Wohnen

In der Küche im Nachbarhaus schneidet die 27-jährige Kerstin eine Tomate für ihre Tochter Selina. "Nächste Woche habe ich Geburtstag", sagt das Mädchen stolz. Dann wird sie drei Jahre alt. Beide leben nicht mehr im Alfred-Delp-Haus, sondern allein - in einer betreuten Wohnung. "Aber wir kommen sehr oft her", sagt die Mutter. Weil es "schön" ist, und weil Selinas Papa noch dort wohnt.

Im Frühjahr erst wurde eine große Hochzeit auf dem Gelände gefeiert - seitdem lebten zwei Ehepaare in der Anlage, berichtet Stefan Solf. Alle Wohngruppen seien gemischt, was Geschlecht, Alter oder Grad der Behinderung betrifft. 61 Menschen zwischen 17 und 78 Jahren sind heute im Alfred-Delp-Haus untergebracht - alle im eigenen Zimmer mit Bad, "damit Privat- und Intimsphäre gewahrt sind".

Gleichzeitig gehe es vor allem um Integration, ein Leben in und mit der Gesellschaft. "Eigentlich ist alles so gekommen, wie wir uns das vor 30 Jahren erträumt haben", sagt Norbert Dickopf. Ohne bürgerschaftliches Engagement, die gute Zusammenarbeit von ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern, mit der Stadt und den Institutionen, ohne die zahlreichen Spenden wäre das alles nicht möglich gewesen.

Deshalb hat das Wohnhilfswerk in der ganzen Stadt Plakate aufgehängt und Karten verteilt, auf denen in großen Lettern "Danke" prangt. Trotzdem: "Das heißt nicht, dass wir jetzt die Hände in den Schoß legen", sagt Dickopf. Es gibt immer noch viel zu tun. Als nächstes ist gemeinsam mit der Stadt ein offener Jugendtreff geplant.

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