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Schinderhannes im Taunus

Staatsfeind in der Hasenmühle

  • Olaf Velte
    VonOlaf Velte
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Die Spur des Schinderhannes führt nach Königstein, Homburg und Brasilien. Mark Scheibe hat sie verfolgt - und räumt mit zahlreichen Gerüchten und Vorurteilen um den "deutschen Robin Hood" auf.

Im Taunus hat er Furcht und Schrecken verbreitet, gestohlen, erpresst und Mädchen geschwängert. Nachkommen des Schinderhannes leben noch heute in der Region zwischen Glashütten und Köppern.Der Mann ist eine Berühmtheit. Auch über zweihundert Jahre nach seiner Enthauptung zieht sein Name die Menschen an.

Mark Scheibe, der sich seit achtzehn Jahren mit dem Thema beschäftigt, hält Vorträge vor vollen Sälen. Der 38-jährige Eppenhainer hat sich nebenberuflich der Herkulesaufgabe gewidmet, Mythen und Tatsachen zu trennen. „Seit zwei Jahrhunderten werden die unwahren Schinderhannes-Geschichten weitergetragen“, sagt er. Nach der Sichtung von mehr als tausend Strafakten und regionalen Dokumenten ist vom vermeintlich edlen Räuber, dem Sozialrebellen, nichts mehr übrig geblieben.

Als Johannes Bückler im Rhein-Lahn-Gebiet geboren, verlegte sich der Nachkomme einer Abdecker-Familie früh auf Diebstähle und Einbrüche – wobei er keinen Unterschied zwischen armen und wohlhabenden Haushalten machte.

130 nachgewiesene Straftaten sind es am Ende seines kurzen Lebens: Nach einer Verhandlung vor dem französischen „Spezial-Kriminal-Tribunal“ wird Bückler am 21. November 1803 im Alter von 24 Jahren hingerichtet. Ein Schinderhannes-Film, vor elf Jahren an der Universität Mainz initiiert, war für den angehenden Juristen Scheibe der zündende Funke. Seither ist er jeder Spur nachgegangen, hat alle Dörfer besucht, in denen Bückler gewesen sein soll.

Der Weg führte schließlich nach Brasilien, wo Nachkommen von ausgewanderten Hunsrückern und Hessen leben. Dort habe sich der ursprünglichste Mythos erhalten – der des Pferdediebs, des Nichtsnutzes, des Kinderschrecks, wie es in der Neuausgabe von Scheibes voluminösem Buch heißt.

Der Hochtaunus ist Bückler seit dem Winter 1799 zur zweiten Heimat geworden. Nach Mord und Inhaftierung in Simmern flieht er über den Rhein und nistet sich in der Hasenmühle bei Königstein unter falschem Namen ein. Seit der französischen Revolution herrschen Kriegszustände in der ganzen Region, die Herrschaften wechseln ständig, Brutalität gehört zum Alltag.

Räuberbanden treiben ihr Unwesen. Im Dienste der Franzosen ist der berüchtigte Kopfjäger Anton Keil als Geheimagent unterwegs. Obwohl Johannes Bückler nur ein kleiner Fisch ist, wird er zur meistgesuchten Person – Napoleon hat ihn zum Staatsfeind erklärt. Der Name Schinderhannes hat sich in Windeseile verbreitet.

„Über 150 Orte stehen mit ihm in Verbindung“, sagt Scheibe. Sagen ranken sich um sein Auftauchen und Verschwinden: Im Dezember 1800 besucht er in Bad Homburg die Sodenmühle und den Roten Ochsen. Taucht in Friedrichsdorf und am Landstein bei Altweilnau auf. Ortsnamen im Weiltal und rund um Grävenwiesbach erinnern noch heute an angebliche Überfälle und Verstecke. Verbürgt ist ein nächtlicher Einbruchsversuch in das Amtshaus zu Königstein: Bewaffnete Einwohner schlagen am 14. Januar 1801 die Räuber in die Flucht.

Schon zwei Jahre nach Bücklers Tod spielt eine wandernde Schauspieltruppe in Königstein ein „schaurig-lustiges Drama“, in dem Hannes gleich mehrfach geköpft wird. Der Siegeszug des „gutherzigen Räuberhauptmannes“ ist nicht mehr aufzuhalten. Im Naturpark Hochtaunus soll ein „Schinderhannespfad“ Touristen anlocken.

„Mit dem echten Schinderhannes hat dies alles nichts zu tun“, sagt Mark Scheibe.

Im Buch „Schinderhannes – Nichtsnutz, Pferdedieb, Räuberhauptmann?“ (ISBN 978-3-9813188-2-1) hat Mark Scheibe Dokumente, Sagen, historisches Bildmaterial und Liedtexte zu einer umfassenden Darstellung verarbeitet.

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