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Dietrich Andernacht (rechts) von der Initiative Opferdenkmal erklärt Gast Rudi Wacker die Tafel.

Oberursel

„Haltet mich in gutem Gedenken“

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Das Denkmal hinter der Hospitalkirche gibt den Opfern des Nationalsozialismus einen Namen. 2007 wurden der zentrale Mittelblock und die erste Figur aufgestellt, mit Info-Tafeln, zwei Zusatzfiguren und Sitzbänken wurde das Projekt nun abgeschlossen.

Haltet mich in gutem Gedenken.“ Bertha Röder hat diesen Satz in einem Abschiedsbrief an ihre Kinder geschrieben. Sie war 55 Jahre alt, als sie am 19. Oktober 1943 im Konzentrationslager Auschwitz starb. Ihr Name steht ganz oben auf der Liste der Oberurseler Opfer des Nationalsozialismus, eingebrannt in Glas wie so viele andere Namen, die auf ihren folgen. Um die Menschen „zurückzuholen, wenigstens als Namen auf einer Tafel“, wie es die Vorsitzende der Initiative Opferdenkmal Annette Andernacht ausdrückt. Nur mit dem vollen Namen sei die Würde des Menschen verbunden.

Namen und Geschichten, die zu „Wachsamkeit auffordern und zur würdevollen Erinnerung“. So nennt es die Historikerin Angelika Rieber, mit deren Forschungsarbeit zu den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus in Oberursel das Graben in der Vergangenheit anfing. Bertha Röder und ihr Zitat aus dem Abschiedsbrief wurde zum stillen Aufruf, dem sich Angelika Rieber, Annette Andernacht und viele andere stellten, die den Opfern einen Namen geben wollten.

„Haltet mich in gutem Gedenken“ wurde zum Titel eines Buches über die Forschungsergebnisse und bestimmte die unermüdlichen Anstrengungen derer, die das Mahnmal hinter der Hospitalkirche in der Altstadt verwirklichten. In unmittelbarer Nähe zu den früheren Wohnorten vieler Opfer.

Das Denkmal mit den zwei Personengruppen, getrennt durch große Steinblöcke und eine Glasscheibe, symbolisiert die willkürliche Spaltung der Gesellschaft, offen stehen sich Verfolgte und Verfolger gegenüber, die Opfer auf der einen, die Täter und Mitläufer auf der anderen Seite. Idee einer 18-jährigen Schülerin, deren Entwurf alle begeisterte. Das Konzept wurde Figur für Figur durch die Beharrlichkeit der Initiative vollendet. Das Mahnmal ist so auch zum Symbol für bürgerschaftliches Engagement geworden.

„Die Stadtgesellschaft stellt sich der dunkelsten Seite ihrer Geschichte.“ Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) spricht beim feierlichen Abschluss des langwierigen Prozesses auch vom „Bewusstseinswandel“ in der Stadt, vielleicht positiver Nebeneffekt der langen Entwicklungsdauer über viele Jahre.

Bei jeder neuen Figur, die finanziert und aufgestellt werden konnte, war die Öffentlichkeit eingeladen, kamen neue Mitstreiter dazu. Bei Benefizkonzerten wurde Geld gesammelt, bei großen Bürgerfesten an Ständen geworben. Annette Andernacht, die im Kulturkreis der Stadt die Arbeitsgruppe der Porzellanmaler leitet, hat 1156 Fliesen für das Projekt bemalt und verkauft, knapp 15 000 Euro kamen so zusammen. Beim Hessentag 2011 rückte die Idee ins Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit. Die Hessentagsgäste spendeten ein paar tausend Euro, ein Bürger anlässlich seines 70. Geburtstages eine ganze Figur, die Partnerstädte unterstrichen die Wirkung des Denkmals über Oberursel hinaus.

Bertha Röder, gestorben in Auschwitz 1943, Recha Mannheimer, gestorben 1942 in Treblinka, Eugen Rothschild, gestorben 1938 in Buchenwald … die Liste der Opfer, die nun einen Namen bekommen haben, ist lang und nach der Änderung der Archivgesetze 2017 noch länger geworden, weil nun auch die Euthanasie-Opfer mit allen Daten genannt werden dürfen. Es werden noch mehr Namen dazu kommen, sagt Angelika Rieber. „Das Denkmal ist fertig, die Forschung noch lange nicht.“

Auch das Denkmal hat zum Abschluss Zuwachs bekommen. Zwei unvollendete Figuren in Kindergröße aus dem Nachlass der Steinbildhauerin, die vor Vollendung des Werkes gestorben ist. Ihr Lebenspartner und ihre Mutter haben sie im Sinne von Christine Niederndorfer zur Feier mitgebracht. Am Rande, seitlich hinter den Namenstafeln, schlagen sie den Bogen in die Gegenwart und die Zukunft. Als Mahnung für nachkommende Generationen, Zivilcourage zu zeigen bei Fremdenhass und Ausgrenzung.

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