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Die Klarinette ist das Instrument von Reimer von Essen.

Bad Homburg

Bad Homburg: Der Sound von New Orleans

Reimer von Essen ist seit mehr als 60 Jahren Leader der Barrelhouse Jazzband. Dafür hat er erneut eine hohe Auszeichnung erhalten.

Ein Konzert in mehr als 4000 Metern Höhe auf dem Titicacasee, Tourneen durch Afrika und Asien und die Verleihung der Ehrenbürgerwürde von New Orleans – nach fast 60 Jahren als Leader der Barrelhouse Jazzband kann Reimer von Essen auf reichlich Abenteuer und Auszeichnungen zurückblicken.

2011 bekam er den Hessischen Jazzpreis. In diesem Jahr folgte die Goethe-Plakette, die höchste Ehrung, die das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst zu vergeben hat. „Schön und bewegend“ sei das gewesen, sagt Reimer von Essen. Zumal damit nicht nur er selbst, sondern die gesamte Musikrichtung „geadelt“ worden sei, der er sich verbunden fühlt: der traditionelle New Orleans Jazz.

Den hat von Essen bereits als Elfjähriger für sich entdeckt. Beim Bruder eines Freundes habe er eine Platte des legendären Sydney Bechet gehört. „Es hat mich umgehauen“, sagt der 79-Jährige und schwärmt noch immer von Bechets „tiefer Klarinette“. Kein Wunder, dass die Klarinette auch von Essens bevorzugtes Instrument wurde. Mit 17 Jahren hatte er seinen ersten bezahlten Auftritt bei einem Schulfest, und nur wenig später rutschte er als Ersatz-Klarinettist in die Barrelhouse Jazzband, die damals erste Erfolge feierte.

Allerdings hatte sie es ausgerechnet in ihrer Heimatstadt Frankfurt schwer. Dort sei der moderne Jazz dominant gewesen, mit dem sich von Essen und Kollegen nicht anfreunden konnten. Bis heute schätze er die Kunstfertigkeit und musikalische Qualität im modernen Jazz, sagt Reimer von Essen. „Aber lieben kann ich das nicht.“ Was fehlt, seien die Emotionen.

Die Goethe-Plakette wird seit 1949 an Persönlichkeiten verliehen, die mit ihrer Arbeit die Kunst und Kultur des Landes Hessen gefördert und geprägt haben.

Preisträger der vergangenen Jahre waren der ehemalige Städel-Direktor Max Hollein, der Künstlerische Leiter des Rheingau Literatur Festivals Heiner Boehncke und der Kunstmäzen Frank Brabant.

Die Barrelhouse Jazzband lädt am Samstag, 19. Oktober, zur Jazzparty in die Alte Oper. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es ab 30 Euro.

Und so habe die Band sich schon früh über die Stadtgrenzen hinaus bewegen müssen. Mit Erfolg – in Sachen New Orleans Jazz sei die Barrelhouse Jazzband bald deutschlandweit zur Nummer eins geworden. „Der Nachteil wurde zum Vorteil“, sagt von Essen, der seinerseits bald intern vom Neuzugang zum Bandleader aufgestiegen war. „Die Kollegen hatten mein Talent erkannt, etwas zusammenzuhalten“, sagt er dazu. Seit 1962 gelingt ihm das bereits, auch wenn es immer wieder personelle Veränderungen gab.

Obwohl die Band zunehmend auch international unterwegs war, wagte Reimer von Essen erst 1991 den Schritt hin zum Berufsmusiker. Bis dahin arbeitete er als Lehrer für Englisch und Musik an der Albert-Schweitzer-Schule in Frankfurt. Möglich sei das nur „auf Kosten des Schlafs“ gewesen, sagt er. Doch er habe es gerne gemacht – und während seiner Zeit als Lehrer sogar noch zwei Schulopern komponiert.

Weit herumgekommen ist Reimer von Essen nicht nur als Musiker. Geboren wurde er in Hamburg, aufgewachsen ist er in Schanghai. Besonders geprägt haben ihn die Jahre, die er nach dem Krieg bei seinen Großeltern in Plön (Schleswig-Holstein) verbrachte. Fast 30 Jahre lang hat er das dortige Jazzfestival kuratiert. Eine Aufgabe, die er seit sieben Jahren auch in Bad Homburg innehat, wohin er 1988 aus familiären Gründen gezogen ist.

Noch denkt der 79-Jährige nicht ans Aufhören, auch wenn der klassische Jazz nicht mehr so viel Publikum anzieht wie früher. Habe man in den 90er Jahren noch 100 Konzerte pro Jahr gespielt, seien es heute noch knapp die Hälfte, erzählt Reimer von Essen. Doch mit den Jahren habe sich die Barrelhouse Jazzband ein Stammpublikum erspielt, das immer noch für volle Säle sorge, etwa bei der alljährlichen Jazzparty in der Alten Oper.

Dort tritt Reimer von Essen am kommenden Samstag wieder mit seinen Bandkollegen und anderen Jazzgrößen auf. Ohnehin ist ihm der Austausch mit anderen Musikern immer wichtig gewesen. Eine Begegnung ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Während ihrer USA-Tournee 1968 traten die Frankfurter Jazzer in New Orleans als Vorgruppe von Louis Armstrong auf, dabei habe er sich hinter der Bühne ein paar Minuten mit dem von ihm verehrten „Satchmo“ austauschen können. „Das ist etwas, das kann einem niemand mehr nehmen“, sagt Reimer von Essen.

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