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Dem Opa die Sorgen nehmen

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Von: Stefan Höhle

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Beim Essen lernten sich Schüler und Flüchtlinge kennen.
Beim Essen lernten sich Schüler und Flüchtlinge kennen. © DRK

1700 Schüler besuchen die Humboldtschule. An ihrem Unesco-Projekttag haben sie keinen normalen Unterricht. Eine Gruppe besucht die Flüchtlingsunterkunft am Niederstedter Weg und hilft dort.

Das Wetter kann sich die achte Klasse der Humboldtschule am Mittwoch nicht aussuchen. Bei Regen und Kälte schuften Schüler mit Spaten und Hacke im Innenhof der Flüchtlingsunterkunft im Niederstedter Weg und pflanzen mit Bewohnern des Heims Kartoffeln und Zwiebeln. Damit gestalten die jungen Leute eines Teil des Unesco-Projekttags.

Die jungen Kerle und Mädels der achten Klasse graben zusammen mit syrischen Heimbewohnern die schwere, glatte Erde um, alle hauen richtig ein. Nicht jeder der hackeschwingenden Flüchtlinge weiß genau, was hier mal wachsen soll – und ob sie es je ernten werden.

Trotz seiner Sprachprobleme will ein Syrer genauer wissen, was hier im Regen mit seiner Hilfe entsteht. Kartoffeln finden dann seine Zustimmung. In seiner Heimat wachsen sie auch. Kartoffeln („Patata“) und Couscous, sagt der junge Mann in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und möglicherweise Italienisch, habe seine Familie zu Hause oft gegessen.

Charlotte von Kalnein ist die Englischlehrerin der Klasse, engagiert sich vielerorts für Flüchtlinge und hat den Kontakt zu der Unterkunft im Niederstedter Weg vermittelt. „Natürlich haben wir uns in den letzten Wochen vorbereitet“, sagt sie. „Aber viele Schülerinnen und Schüler waren beim Thema Migration bereits auf einem hohen Wissensstand.“ Klasse und Lehrerin einigten sich für den Projekttag auf vier Gruppen: Kochen, Garten, Fahrradwerkstatt und Hof aufräumen.

Kochkünste aus Afghanistan

So ganz easy ist keiner der Jobs. Die Räder sind gespendet oder billig gekauft. „Das Übliche“, erzählen die schraubenden Schülerinnen und Schüler. „Gangschaltung, Bremsen, Platten.“ Wem in der Unterkunft welches Rad gehört oder wer es zuletzt gegen ein Pfand benutzte, ist nicht immer bekannt, kleine Schäden bleiben dann gern unbehoben.

Betrieb herrscht auch in den Küchen der Gebäudetrakte. Viel Platz ist um die Herde sowieso nicht, und heute brutzeln Schülerinnen und – seltener – Schüler mit. Meist soll später Gesottenes gereicht werden, afghanische Gerichte wie Tschalau (Reis), Morgh (Hühnchen), Bolani (Teigtaschen) oder Naan (Bro) scheinen ein Favorit zu sein. Eine der Chefköchinnen an diesem Tag ist Nadjiba Naderri aus Afghanistan. Sie zeigt ihr Können unter einem Kopftuch, was ihr hier im Öldunst am Herd auf jeden Fall einen Vorteil verschafft.

Mit dem Umgraben im Hof sind die großen Jungs durch, der Regen hat aufgehört. „Nicht alle aus der Klasse sind heute mitgekommen“, erzählt der 14-jährige Tilman Reinecke. „Warum sie nicht dabei sind, weiß ich natürlich nicht. Ich denke nur, dass allgemein manche Menschen Angst haben, wie sich in Deutschland die Situation mit Flüchtlingen entwickeln wird.“ Tilman ist überzeugt, dass mangelnde Information Ursache für diffuse Befürchtungen ist. Der 14-Jährige will Flüchtlingen zur Seite stehen und fühlt sich durch den Projekttag weiter gestärkt für künftige Diskussionen.

Vincent Frahm will seinem Opa in den USA von dem Tag berichten. „Er macht sich wegen der Flüchtlinge unnötige Sorgen um uns“, sagt der 15-Jährige. Die wolle er ihm gern nehmen, ihn auf einen guten Wissensstand bringen. „Auch in den USA fehlt da einfach oft Information.“ Die Zukunft, so formuliert es die Unesco, „braucht weltoffene, politisch kompetente und handlungsfähige Menschen“. Und die sind schon da. Zum Beispiel hier in Bad Homburg.

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