Kronberg

Du sollst nicht gucken!

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Die Herren des Berliner Platzes verlangen ein bisschen Respekt. Und Geld.

Caspar und Melchior stehen vor dem Frankfurter Amtsgericht, weil Caspar am 6. April 2018 am Berliner Platz in Kronberg eine Predigt hielt. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft freilich eine „aggressive Ghetto-Predigt“, die zudem den Tatbestand des Raubes erfüllt.

An jenem Aprilabend chillen Caspar (18) und seine Freunde Melchior (19) und Balthasar (gesondert verfolgt) auf einer Parkbank, als sie der beiden 14-jährigen Schüler Max und Moritz (alle Namen dem Jugendschutz geschuldet) angesichtig werden. Diese gucken. Also spricht Caspar: „Wir sind der Berliner Platz! Es ist nicht gestattet, uns anzugucken!“ Dann erteilen die drei den beiden einen Platzverweis und den Rat, auf den Boden zu gucken und niemals wiederzukehren. Guter Rat ist teuer: In diesem Fall kostet er Max und Moritz eine Bauchtasche, eine Jacke und etwa 15 Euro. Aber sie kriegen auch was dafür, direkt ins Gesicht, und nach Maxens Erinnerung mehr als nur ein paar „Respektschellen“.

An jenem Abend habe nicht der Heilige Geist, sondern etwas anderes seine Zunge geführt, gibt Caspar zu. Die Polizei maß nach der Festnahme 2,9 Promille. Aber noch heute erinnere er sich mit Schrecken, wie „aggressiv, vorlaut und frech“ die beiden 14-Jährigen zuvor agiert hätten. „Sehr respektlos, ich kann es nicht beschreiben“, sagt er und beschreibt es dann doch: „Sie hatten den Kopf nach oben!“

Auch Melchior ist traumatisiert. „Die sind voll jung, aber die haben echt geguckt“, staunt er heute noch. Die geraubte Jacke und das Geld („keine 15 Euro, höchstens acht“) habe er seinem „Bruder“ (metaphorisch) Balthasar gegeben, denn gucke: Dieser fror und hatte kein Geld für Wodka. Ihm aber sei warm gewesen, und Wodka verbiete ihm sein Gott. Laut Bundeszentralregister scheint dieser Gott Diebstahl, Körperverletzung, Beleidigung, Kiffen und Schwarzfahren nicht zu verbieten. Aber Gucken. Paradoxerweise beginnt Melchior jeden zweiten Satz an die Richterin mit „Gucken Sie...“

Max hat nichts aus der Predigt gelernt. Er betritt den Gerichtssaal erhobenen Hauptes, guckt die Angeklagten an und gebraucht Wörter wie „explizit“, was ihm in freier Wildbahn wohl eine Respektschelle einbrächte. Moritz hat wohl was gelernt, aber nichts Rechtes. Als Zeuge ist er nicht geladen. Das Gericht verliest einen Brief des Vaters: Sein Sohn sei seit dem Vorfall stinksauer und habe mit Boxtraining begonnen. Das sei ja noch in Ordnung, aber „angesichts des kulturellen Hintergrunds“ der Schläger beginne sein Sohn „politische Überzeugungen zu entwickeln, die uns sehr zu denken geben“.

Melchior bittet die Richterin, ihn nicht wie die letzten beiden Male zu Wochenendendarrest zu verurteilen, das sei „voll langweilig“ gewesen. Caspar bittet darum, nicht schon wieder zur Drogenhilfe zu müssen. Dazu werde er ständig verurteilt, „aber die wollen nur reden“ und hätten nichts im Angebot, „das ist doch keine Hilfe“.

Caspar wird zu einer Jugendstrafe von sieben, Melchior von sechs Monaten verurteilt. Beide Strafen werden zur Bewährung ausgesetzt. Nach der vorigen Verurteilung hatte es zwei Tage gedauert, bis der abstinente Melchior eine Flasche Wodka aus dem Supermarkt geklaut hatte. Nicht um seinetwillen, das habe ihm einer befohlen, „der war älter als ich und so, das musste ich tun“. Wie lange es diesmal dauern wird? Mal gucken.

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