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Skandal im Kurort

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Von: Olaf Velte

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Ursula Rütt und Ehemann Walter Rütt studieren 1956 die Zeitung,      2002 kommen sie auf mysteriöse Weise zu Tode.
Ursula Rütt und Ehemann Walter Rütt studieren 1956 die Zeitung, 2002 kommen sie auf mysteriöse Weise zu Tode. © Repro Michael Schick

Der Roman „In Sachen Mensch“ hat vor 60 Jahren Bad Homburg in Aufregung versetzt. Drei Prozesse kreisen schließlich um die Frage, was Kunst darf und wann Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

Der Klappentext preist „ein Erstlingswerk von einer aufwühlenden Menschlichkeit“. Erschienen ist das Debüt „In Sachen Mensch“ vor 60 Jahren, herausgegeben Ende September 1955 vom Steinberg-Verlag in Zürich. Dass der Roman einen Teil der Menschheit tatsächlich aufgewühlt hat, ist unbestritten – war er doch für einen der größten Literaturskandale hierzulande verantwortlich. Schauplatz des sich über Jahre hinziehenden Geschehens ist die Kleinstadt Bad Homburg im Taunus.

Eine Geschichte, die am Ende kaum einen der Beteiligten ungeschoren lässt, die für Monate ihren Widerhall in der nationalen und internationalen Presse findet, die mehrfach vor Gericht verhandelt wird und bis heute von Rätseln umgeben ist. Wer das einst umstrittene und heute in Vergessenheit geratene Buch der Autorin Ursula Rütt antiquarisch erwirbt, darf staunen über den mit der wiederholten Formulierung „verboten … noch nicht verboten … verboten …“ bedruckten Schutzumschlag. Haben Debütantin und Verlag geahnt, was kommen wird? War die Provokation gewollt, die darauffolgende Misere eingeplant? Auch nach sechs Jahrzehnten kann zu den wahren Motiven, die zur Veröffentlichung von „In Sachen Mensch“ geführt haben, keine stichhaltige Aussage getroffen werden.

Im Erscheinungsjahr ihres 295 Seiten starken Buchs wird Ursula Rütt, die mit Mann und zwei Kindern seit 1948 in Bad Homburg lebt, von den Lokalzeitungen „Taunusbote“ und „Frankfurter Rundschau“ porträtiert. „Ich will mich zum Sprecher aller Erniedrigten, Bedrückten und Bedrängten machen“, sagt die damals 41-jährige aus dem schlesischen Oppeln stammende Hausfrau. Dass ihr Schweizer Verlagshaus auch die Werke von Hemingway und Sinclair Lewis veröffentlicht, bleibt nicht unerwähnt. Formuliert wird ein Anspruch von zeitloser Gültigkeit, der nur wenige Tage später durch eine Anzeige der örtlichen Buchhandlung Schick auf merkwürdige Weise konterkariert wird: „Ist es ein Schlüsselroman für Bad Homburg, das Erstlingswerk einer Homburgerin?“ Zwei mögliche Lesarten werden angeboten – in dem Taunusstädtchen entscheiden sich die meisten Literaturfreunde für das Naheliegende.

Was darf Kunst?

Sie werden nicht enttäuscht. Lokalhistoriker Klaus-Dieter Metz hat mehr als dreißig Personen identifiziert, die den Roman als Figuren prägen. Kaum einer ohne Makel, etliche von diabolischer Ausstrahlung. Stets auf „Fresslust, Weiber und Gesäufigkeit“ erpicht. Die Liste umfasst die gesamte Spitze der Homburger Stadtverwaltung. Hinter „Sebastian Schnapp“ verbirgt sich Bürgermeister Gottfried Bastian, als „Julius Schartenpfuhl“ wird der Leiter des Rechnungsprüfungsamtes Matthias Warthenpfuhl bezeichnet, mit „Otto Großkopff“ ist Stadtpolizei-Chef Otto Litzinger gemeint. Und so fort. „Ursula Rütt hat hier kaum verschlüsselt“, sagt Lokalhistoriker Metz, der die Atmosphäre im Herbst 1955 als Jugendlicher miterlebt hat. „Viele der Familien leben bis heute in Homburg.“

Weil die Stadtgesellschaft das scheinbar Imaginäre ins Reale zu deuten weiß, nimmt das Ungemach Fahrt auf. Umso mehr, da Ehemann Walter Rütt der städtischen Kriminalpolizei vorsteht und nun ins Visier der Amtskollegen gerät. Internas, die das Romangeschehen grundieren und sich später als Tatsachen erweisen, sollen von ihm zur Verfügung gestellt worden sein. Eine unheilvolle Mixtur aus Vetternwirtschaft und Korruption, Ehebruch und Homosexualität – verpackt in die Szenerie des Büromilieus. Der Name „Bad Homburg“ wird an keiner Stelle genannt. Obwohl manche Bürger der Kurstadt davon sprechen, dass „die Brüder mehr Dreck am Stecken haben, als in dem Buch geschildert“, werden die Justizbehörden in Gang gesetzt.

Drei Prozesse kreisen schließlich um die Frage, was Kunst darf und wann Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Im November 1955 – die Verfasserin ist wegen Beleidigung und Verleumdung angeklagt – lässt das Frankfurter Landgericht den Roman beschlagnahmen. Aus Büchereien und Buchhandlungen wird er umgehend entfernt, Proteste des deutschen Schriftstellerverbands bei Bundespräsident Theodor Heuss fruchten nicht. Der Werbeeffekt ist naturgemäß enorm. Während sich Deutschland West von „In Sachen Mensch“ befreit, erscheint in der DDR eine Lizenzausgabe – der Mitteldeutsche Verlag aus Halle nutzt die Publikation als ideologische Waffe gegen die vermeintliche Dekadenz westlicher Prägung. Erbost zeigt sich am 30. August 1956 die „Zeit“: „Diese der SED willkommene Propaganda sollte zu bedenken geben, wie vorsichtig man mit derartig unüberlegten und vorschnellen Verbotsanträgen sein muss.“

Nach Einspruch der Autorin wird das Buch wieder freigegeben. Im Januar 1958 kommt es zur Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht in Frankfurt. Während der drei Verhandlungstage werden 16 Zeugen und ein literarischer Sachverständiger gehört, der Zuhörerraum ist ständig überfüllt, Pressevertreter aus dem ganzen Bundesgebiet sind zugegen. Es kommt zu kuriosen Wortgeplänkeln, Homburger Amtsleute werden des Öfteren mit ihren Kunstnamen angeredet. Am Ende steht ein Freispruch für Ursula Rütt – gleichsam die Bekräftigung künstlerischer Freiheit.

Ein friedvolles Zusammenleben in Bad Homburg ist trotz der juristischen Entscheidung nicht länger möglich. Wegen Meineids werden im darauffolgenden Jahr der Beamte Warthenpfuhl und seine Geliebte, die Sekretärin Hartmute Altmann, verurteilt, beide müssen das Homburger Amtshaus verlassen. Während sich der ehemalige Rechnungsprüfer als Handelsreisender durchschlägt, verschwindet „das Fräulein“ aus der Bürgergesellschaft. Von „menschlichen Tragödien“ ist in den lokalen Blättern die Rede. „Der Alltag“, so Klaus-Dieter Metz, „war für viele der Betroffenen nicht mehr auszuhalten.“ Noch einmal für Aufsehen sorgt die Schriftstellerin Rütt, als sie in der Kurstadt die Tagung „Deutsche Begegnung 1955“ organisiert: Das Treffen sowjetnaher Wissenschaftler und Künstler wird unter „getarnte SED-Propaganda“ vermerkt.

Kripochef Walter Rütt wird kurz nach der Affäre in den Ruhestand versetzt, die Familie zieht 1960 nach Darmstadt um. Ursula Rütt bringt weitere Bücher heraus – darunter den Spielbank-Roman „Nachtgesellschaft“ – und bekommt von ihrem Berufsverband ein Auslandsreise-Stipendium zugesprochen. Der Weg führt in die Provence, wo das Ehepaar später ansässig wird und im Jahre 2002 auf mysteriöse Weise zu Tode kommt. Keines der Bücher Rütts hat die Zeit überlebt, allzu gestelzt und moralinsauer kommt daher, was ambitioniert ausgerichtet war. In ihnen finden die engen und vermufften 50er Jahre ihren vollendeten Ausdruck. Die Bad Homburger Stadtbibliothek hat ein Exemplar von „In Sachen Mensch“ vorrätig. Nicht einsehbar ist dagegen die Personalakte des Kriminalpolizisten Walter Rütt – wichtige Informationsquelle zu einem Mann, der mit gutem Gewissen als Schlüsselfigur des Skandals bezeichnet werden kann. Die Akte wird im städtischen Archiv unter Verschluss gehalten. Aus Rücksicht auf die Nachfahren von Ursula und Walter Rütt, heißt es.

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