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Die Seele des Pfarrhauses

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Von: Olaf Velte

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Haus und Hüterin: Beate Reininger vor ihrem Arbeitsplatz  an der Kirche St. Ursula.
Haus und Hüterin: Beate Reininger vor ihrem Arbeitsplatz an der Kirche St. Ursula. © Bernd Fickert

Beate Reininger ist einer der letzten Haushälterinnen mit Vollzeitstelle

Draußen fegt der Regen um die Hausecke, glasiert Gasse und Kirchturm. Im Pfarrhaus von St. Ursula sind Handwerker zugange, ein reges Kommen und Gehen zur morgendlichen Stunde. Nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Drei Forellen mit Kartoffelsalat soll es zum Mittagessen geben.

Mit den drei Pfarrern ist Beate Reiniger im September 2010 in den neu formierten Pastoralen Raum Oberursel gekommen. Die 50-Jährige gehört zu den letzten hessischen Pfarrhaushälterinnen, die noch in Vollzeit beschäftigt sind. Im Hochtaunuskreis ist sie sogar die einzige.

Kurz vor sieben Uhr hat das Tagwerk von Beate Reininger begonnen. An dem Frühstück der Priestergemeinschaft nimmt sie nicht teil, die Küche ist zu dieser Stunde ihr Revier. Gestern war der wöchentliche Putztag: „Vor dem 24. Dezember wollte ich noch einmal die Fenster putzen.“

Während die ausgebildete Hauswirtschaftsleiterin mit schnellen Fingern die gekochten Kartoffeln schält und in Sc heiben schneidet, erzählt sie von ihrem Eintritt in den Pfarrhaushalt: „Das hat sich so ergeben und war mehr oder weniger ein Zufall.“ Nach der Ausbildung arbeitete die gebürtige Nordbadenerin in einem großen Betrieb, zog dann ihre beiden Kinder groß und kam über Umwege zu den Pfarrern Andreas Unfried, Reinhold Kalteier und Ludwig Reichert.

Von Hofheim, wo im April 2009 alles begann, folgte sie ihren Arbeitgebern schließlich nach Oberursel. Hier, in der Sankt-Ursula-Gasse, bewohnen die Geistlichen drei Wohnungen im Obergeschoss, treffen sich zu den Mahlzeiten aber stets im Esszimmer neben der Küche. „Wir lassen uns immer überraschen, was auf den Tisch kommt“, sagt Pfarrer Kalteier. Ohne die gute Seele gehe es nicht: „Wir sind froh, dass sie hier ist.“

Das Christfest wird die ruhige Frau jedoch in ihrem Wohnort Niedernhausen feiern, ein Quark-Stollen – „mit Walnüssen und Korinthen“ – ist bereits gebacken. Außerdem ist es ehrwürdige Sitte, dass die Oberurseler Pfarrer ihren Weihnachtsbaum am kommenden Samstag selbst schmücken.

In früheren Zeiten wohnten die Haushälterinnen im Pfarrhaus und waren nicht selten mit dem Hausherrn verwandt. Auch seelsorgerische Aufgaben wurden damals übernommen. In der Haustür der 1645 erbauten Oberurseler Pfarrerei befand sich eine Klappe, durch die Nahrungsmittel an Bedürftige herausgegeben wurden. Wer heute anklopft, fragt eher nach Geld.

Verändert hat sich auch das pfarrerliche Hauswesen. 1971, im Gründungsjahr des hessischen Berufsverbands, waren 480 Vollzeitstellen besetzt. An den fünf Wochentagen arbeiten derzeit noch vier Haushälterinnen im gesamten Bistum Limburg. „Die meisten Frauen kommen heute nur noch stundenweise zum Saubermachen in die Häuser.“ Das Rollenbild habe sich gewandelt, die Pfarrer seien mittlerweile viel selbstständiger.

Ein Kartoffelsalat á la Reininger wird aber auch dem modernen Gottesmann kaum gelingen. „Den bereite ich schon zwei Stunden vor dem Essen vor.“ Zeit genug, damit die in regelmäßigen Abständen zugegebene Gemüsebrühe einziehen kann. Zeit auch, um über Gott und die Welt zu sprechen. Über Diskretion und Umweltschutz, über kritische Jugendliche und ländliche Herkunft. Den Fisch, gesalzen und bemehlt, bereitet sie nach alter Rezeptur zu – beim Einkauf sucht sie regional erzeugte Produkte. Tradition und 21. Jahrhundert finden hier zueinander.

Dem biedermeierlichen Bild der Pfarrhaushälterin entspricht Beate Reininger keineswegs. Eduard Mörikes Verse sind dennoch trefflich: „Wolltest mit Freuden/Und wolltest mit Leiden/Mich nicht überschütten!/Doch in der Mitten/Liegt holdes Bescheiden.“

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