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Seejungfer mit Hausfrauenküche

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Von: Olaf Velte

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Das Bad Homburger Traditionslokal „Zum Wasserweibchen“ ist am 2. April 1866 eröffnet worden. Dass Kontinuität einen guten Namen im „Wasserweibchen“ hat, erweist sich an der überschaubaren Abfolge der Wirtsleute.

Es ist der 2. April 1866, als die Familie des Hofdrechslers Berthold aus ihrem Wohnhaus eine Stätte der Bewirtung macht. Was folgt, ist eine 150 Jahre anhaltende und mit dem Namen „Zum Wasserweibchen“ versehene Gasthausfaszination. Während ganze Zeitalter mit ihren Idealen und Träumen heraufdämmern und wieder verschwinden, bleibt das Eckhaus mit der namensgebenden Fassadenfigur eine feste Lokalgröße, verlässliche Anlaufstelle.

Welche Anziehungskraft umgibt diesen alten Fachwerkbau, der unter seinem jetzigen Besitzer Eric Leonhardt von Grunde auf saniert und mit weiteren Gastzimmern im Obergeschoss bestückt wurde? „Vertrautheit“, sagt Steffen Pfeifer, Geschäftsführer und Wirt seit 2004. Und: „Weil alles so ist, wie es immer ist.“

Dass Kontinuität einen guten Namen im „Wasserweibchen“ hat, erweist sich an der überschaubaren Abfolge der Wirtsleute: Unter Bertholds Führung wurden bis 1896 die Gläser gefüllt, der „Tagelöhner“ Heinrich Igel übergab den Ausschank nach dem Ersten Weltkrieg an den in Seulberg geborenen Johann Eichinger, auf den 1929 angetretenen Hermann Keßler folgte 17 Jahre später schließlich Ludwig Velte, mit dessen Familie ein besonderes Kapitel seinen Lauf nahm.

Wenn der „Wasserweibchen-Sommergarten“ im gegenüber liegenden Teil des Schlossgartens geöffnet und die Jubiläumsfeier geplant sein wird, schlägt die Stunde von Richard Hackenberg. Auf Führungen rund um das Traditionshaus wird er dann mitteilen, was in öffentlichen und privaten Archiven zu erfahren war. Noch immer lagert ungesichtetes Material unter dem Krüppelwalmdach, quält die Frage nach dem Verbleib der verschwundenen Nixen-Originalfigur. – Apropos: Dass Heinrich Jacobi das Wahrzeichen als „von einem barocken Stadtbrunnen herrührende Seejungfer“ bezeichnet hat, ist für Hackenberg „eine von vielen Widersprüchlichkeiten“.

Legende ist die Prominenten-Dichte

Einwandfrei zuzuordnen ist aber jener Geist, der die niedrige Gaststube bis in unsere Tage beseelt und zu einer Seltenheit macht. „Es trägt alles die Handschrift von Inge Kuper“, so Pfeifer, der 1990 bei der „Chefin“ als Kellner anfing. Geblieben sind die in Blauweiß gehaltenen Gardinen und Tischdecken, die von Kuper’scher Hand gestaltete Speisekarte mit Zeichnungen und Sprüchen. Auch die Rezepte – „deutsche Hausfrauenküche“ – sind die bewährten: Leberknödel, Kartoffelpuffer, Kalbsleber und Kaiserinschmarren als Klassiker, neben denen die Kreationen der ehemaligen Köchinnen wie „Jettes Petersilien-Suppe“ oder „Danas Cevapcici“ bestehen können. Der einstige FR-Chefredakteur und Stammgast Werner Holzer hat übrigens „Werners Schneckencreme-Süppchen“ beigesteuert.

Legende ist die Prominenten-Dichte, die mittels wandfüllender Fotografien und Autogrammkarten dokumentiert ist. Als Inge Kuper im Oktober 1975 den Wirtsstab von Emmi Velte übernahm, brachte sie ihren Mann Peter mit. Der wiederum zog das Frankfurter Milieu, sogar den Adel ins Haus. „Der Prinz von Preußen, die Quandts, auch Handwerker, Stammtischler“, so Jörg Schröder, der in seinem März Verlag die Peter Kuper-Erinnerungen „Hamlet“ herausgegeben hat. Darin eine Passage, die den Zauber abseits von Schicki-Micki und Schelte einfängt: „Das ist eine eigenartige, schöne, ländliche Stimmung in dem Raum. Da kocht irgendwas auf dem Herd, dann werden Zwiebeln gehackt, es riecht auch schon ein bisschen nach Gebratenem, bald fangen von der Erlöserkirche die Glocken an zu läuten.“

Eine Zeit, in der Kupers und Veltes noch gemeinsam an Tresen, Herd und Apfelpresse arbeiten, die Homburger Bürger auf Zwölferbembel geeicht sind. Steffen Pfeifer trägt das Vermächtnis weiter. Es kommen Geschäftsleute und Stammgäste, schnell füllen sich die 80 Plätze im getäfelten Schankgeviert.

„Man muss uns suchen, wir sind hier in Randlage.“ Ohne Kurgäste und Laufkundschaft, ohne Vereine und Werbung überlebt das „Wasserweibchen“ seit 150 Jahren. Und samstags ist Ruhetag! „Wir sind nicht geeignet für Samstagsgäste“, zitiert der Wirt die „Chefin“.

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