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Sechs Monate Zivildienst sind zu wenig

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Die Sozialverbände im Hochtaunus finden die kommende Verkürzung des Zivildienstes um drei Monate problematisch. Von Jenny Hinz

Von Jenny Hinz

Wenn vom 1. Oktober an die Wehrdienstzeit von neun auf sechs Monate verkürzt wird, dann bringt das Probleme für eine Reihe von Hilfseinrichtungen mit sich. Denn: Parallel dazu wird auch der Zivildienst auf ein halbes Jahr verkürzt. Der Paritätische Wohlfahrtsverband und das Rote Kreuz haben dagegen protestiert: Die Umstellung komme für die Sozialverbände und karitativen Einrichtungen zu plötzlich. Die Träger befürchten schwerwiegende Auswirkungen auf das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem. Auch im Vordertaunus wird das Auswirkungen haben.

Das Rote Kreuz in Bad Homburg beschäftigt 18 Zivildienstleistende in der ambulanten Altenbetreuung. Sie kaufen für die Senioren ein, bringen Mahlzeiten und waschen bei ihnen auch mal die Gardinen, erzählt DRK-Kreisgeschäftsführer Manuel Gonzalez. Er würde die jungen Männer auch gern weiter im Rettungsdienst einsetzen. "Aber das wird nicht mehr möglich sein", sagt Gonzalez. "Weil die Ausbildung schon drei Monate dauert und dann nur noch drei Monate für den Einsatz bleiben."

Wichtig findet er die zwischenmenschlichen Beziehungen von Betreuern und Hilfsbedürftigen. Im Alltag bleibe wenig Zeit, um Vertrauen zwischen den Personen aufzubauen. Da sei die Dienstverkürzung nicht hilfreich. Auch bei den DRK-Zivildienstleistenden sieht Gonzalez eine kritische Haltung zur kürzeren Dienstzeit. "Sie sehen kein Verhältnis mehr zu ihrer Leistung, der Zivildienst erscheint ihnen nur noch wie eine Pflicht."

Als eine mögliche Alternative sieht das DRK das Freiwillige Soziale Jahr, um dem Mangel an Hilfskräften entgegen zu wirken. Auch ehrenamtliche Mitarbeiter könnten zum Beispiel Demenzkranke längerfristig betreuen oder sich um andere pflegebedürftige Menschen kümmern. Die Verkürzung ist für die Sozialverbände nach eigener Einschätzung mit höheren Kosten verbunden. Durch die Reduzierung von Zivildienstplätzen müssten die Einrichtungen auf hauptamtliche Kräfte oder Freiwillige umstellen. Als Beispiel nennt Manuel Gonzalez den Sanitätsdienst bei Veranstaltungen und großen Events, bei dem sehr viele Zivildienstleistende durch hauptamtliche Sanitäter ersetzt werden müssten, was für die Veranstalter eine enorme Kostensteigerung bedeute. Gregor-Alexander Goetz, Geschäftsführer der Diözese Limburg des auch in Bad Homburg aktiven Malteser Hilfsdienstes , sieht sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Mittelfristig müssten viele Zivi-Stellen gestrichen werden, da sie nicht mehr finanzierbar seien und die Dienste nicht mehr zuverlässig angeboten werden könnten. Schon seit einiger Zeit sind nach seiner Beobachtung Reaktionen auf die geplante Kürzung in den freien Dienststellen in Bad Homburg, Friedrichsdorf und Usingen deutlich erkennbar: "Das Bewerberverhalten ist anders als vorher. Außerdem haben wir einen Rückgang der Bewerbungen feststellen müssen", erzählt Goetz. Die zeitliche Planbarkeit sei für beide, den Zivildienstleistenden und die Einrichtung nicht mehr gegeben.

Durch die geplante Zeitreduzierung sei zum Beispiel die Betreuung von Behinderten in Schulen nicht mehr möglich. Nach der Einarbeitungsphase bleibe zu wenig Zeit, um weitere Kompetenzen zu erwerben und Beziehungen aufzubauen. Viele Zivildienstleistende hätten bereits die Verkürzung vor fünf Jahren auf neun Monate stark kritisiert, auch diese Zeit sei zu kurz gewesen. Auch die Malteser setzen auf das Freiwillige Soziale Jahr für junge Frauen und Männer als eine vernünftige Alternative. Eine freiwillige Verlängerung der Zivildienstzeit unter den gleichen Rahmenbedingungen wäre nach Ansicht des Malteser-Funktionärs Goetz eine weitere hilfreiche Möglichkeit.

Neben den finanziellen und organisatorischen Auswirkungen befürchtet Gregor-Alexander Goetz ein langfristiges gesellschaftliches Problem: "Durch die Verkürzung haben die jungen Menschen nicht mehr die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, sich soziale Kompetenzen anzueignen oder den Lerndienst wertzuschätzen. Die Reduzierung der Lernfelder und die zunehmende Hemmung der sozialen Entwicklung werden langfristig gesehen zu einem sozialen Defizit in der Gesellschaft führen."

Nicht so dramatisch sieht man im Köpperner Waldkrankenhaus die kommende Verkürzung des Zivildienstes. "Wir bedauern sie zwar ebenfalls, möchten aber weder heute noch in Zukunft auf unsere Zivis verzichten", betont der Krankenpflegedirektor Bernd Kuschel. In Köppern und Frankfurt bietet der zum Landeswohlfahrtsverband gehörende Krankenhausbetreiber Vitos zehn Zivi-Plätze. Die jungen Männer werden laut Kuschel gern zur Betreuung von Gruppen eingesetzt, in denen psychisch kranke Menschen üben, ihren Alltag zu organisieren. Da gehe es auch um Gespräche, um gemeinsame Aktionen. So mancher kontaktfreudige Zivildienstleistende sei im Beruf geblieben und habe in der Schule für Krankenpflegeberufe eine dreijährige Lehre begonnen.

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