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Schubladen im Oberstübchen

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Barbara Pfriem weiß, wie man sein Gedächtnis fit hält.
Barbara Pfriem weiß, wie man sein Gedächtnis fit hält. © Martin Weis

Barbara Priem arbeitet seit 20 Jahren als Gedächtnistrainerin.

Von Nina Nickoll

Barbara Pfriems Tag beginnt mit Zeitungslesen – soweit, so normal. Pfriem liest die Artikel aber auf dem Kopf – das ist gut fürs Gedächtnis, sagt die Gedächtnistrainerin vom DRK Hochtaunus. „Diese Übung ist hervorragend, weil hier linke und rechte Gehirnhälfte ganz stark vernetzt werden“, sagt Pfriem.

Zwei Kurse bietet Pfriem in Bad Homburg an. Zwischen 60 und 87 Jahren seien die Teilnehmer, ihr Gedächtnis trainieren viele täglich, sagt Pfriem. Eine 101-Jährige habe ihr schon Gedichte rezitiert, „Alltagswissen baut mehr ab als das Schulwissen“, sagt Pfriem.

Die Tageschau könne auch fürs Training genutzt werden: Welche Farbe hatte die Krawatte des Nachrichtensprechers? „Vor allem alltagstauglich müssen die Übungen sein“, sagt Pfriem. Aber belasten dürfen sie nicht: Nachrichten sollen ihre Teilnehmer maximal zweimal täglich schauen, weil sie sonst überfordert würden von allen Reizen und negativen Berichten – „des isch nix“, sagt die Schwäbin, die mit ihrem Mann in Neu-Anspach lebt.

Mit der Ausbildung zur Schwesterhelferin beim Roten Kreuz fing alles an. Pfriem besuchte den Kurs, um den dementen Schwiegervater pflegen zu können. „Da habe ich eine Sozialarbeiterin kennengelernt, die sagte, „Du kannst so gut mit alten Leuten, mach doch weiter„“, sagt Pfriem. Beim Roten Kreuz ließ sie sich zur Gymnastik- und Osteoporose-Trainerin ausbilden, vor 20 Jahren kam das Gedächtnistraining dazu.

„Das Gehirn ist wie ein großer Schrank mit ganz kleinen Schubladen. Und wenn ich etwas behalten will, muss ich erst überlegen, in welcher Schublade liegt etwas Ähnliches. In diese Schublade lege ich es rein.“ Sie trainiert auch mit Würfeln, Matheaufgaben und Luftballons – Gymnastikübungen sind fester Bestandteil. Die Teilnehmer halten rote Ballons oder schubsen sie dem Nachbarn zu, so werden Reaktion und Koordination trainiert. „Die Reaktion lässt im Alter unheimlich nach“, sagt die 63-Jährige.

Ihre Ausbildung zur Damenschneiderin nutze sie für die Kurse. Pfriem arbeitete zehn Jahre als Vorarbeiterin, 30 Mitarbeiter unter ihr. „Hier habe ich von meinem Chef gelernt: Wie gehe ich gerecht mit unterschiedlichen Menschen um?“ Kritisieren oder verbessern würde sie die Kursteilnehmer nie, Geduld habe sie bei der Pflege des Schwiegervaters gelernt.

Irgendwann sei sie aktiv im DRK und mit den Strukturen so gut vertraut gewesen, dass sie sogar Sozialarbeiterin im Vorstand des Kreisverbandes wurde – „notgedrungen“, sagt Pfriem. Ihre zehnjährige Tätigkeit beendete sie aus gesundheitlichen Gründen vor zwei Jahren. Bis heute gibt es keinen Nachfolger. Ihr Alltag ist noch immer stressig: Fünf Tage die Woche kommt sie mit dem Auto nach Bad Homburg, mindestens vier Fortbildungen mache sie jedes Jahr. Auch Reisebetreuerin ist Pfriem, dieses Jahr gehe es mit der DRK auf die ostfriesische Insel Langeoog. Von ihrem Wissen profitieren die Mitreisenden auch dort.

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