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Wie an der Schnellstraße

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Von: Andrea Herzig

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Kathrin Seidl gibt Rat, wenn die Babys nur noch brüllen.
Kathrin Seidl gibt Rat, wenn die Babys nur noch brüllen. © Michael Schick

Familienhebamme Kathrin Seidl berät im Hochtaunuskreis Eltern mit Schreibabys. Warum manche Säuglinge so viel schreien, ist meist nur schwer zu ergründen.

Familienhebamme Kathrin Seidl berät im Hochtaunuskreis Eltern mit Schreibabys. Warum manche Säuglinge so viel schreien, ist meist nur schwer zu ergründen.

Familienhebamme Kathrin Seidl ist eine Frau mit einer sanften, aber festen Stimme. Sie ist nicht nur Hebamme, sie hat allerhand Zusatzausbildungen, familientherapeutische und eine in Emotioneller Erster Hilfe. Das alles braucht Seidl für den diffizilen Job, den sie hier macht. Kathrin Seidl hilft Familien in einer sehr schwierigen Lebenslage, nämlich dann, wenn ihr Baby über Wochen und Monate stundenlang schreit. Manche Familien begleitet Seidl über ein ganzes Jahr hinweg. Dieses Sprechstunden-Angebot des Kreises ist neu.

Man muss sich das so vorstellen, erklärt Seidl: Man wohnt an einer stark befahrenen Straße. Der Lärm nervt kolossal, klar beschwert man sich da. Ein brüllendes Baby ist auch sehr laut aber man darf sich darüber nicht beklagen. Das Kind kann ja nichts dafür.

Die Mutter fühlt sich schuldig

Im Gegenteil: Oft fühlen sich die Eltern, insbesondere die Mutter, schuldig. Schuldig, dass das Kind schreit, verantwortlich für den Lärm, der ihnen selbst an die psychische und physische Substanz geht. Was mache ich falsch?

Helfen Ohrstöpsel? Kathrin Seidl lacht. Ja, auch. Ohrstöpsel und Kopfhörer empfiehlt sie manchen Eltern. Damit die sich ablenken, selbst ein bisschen entspannen, was sich wiederum positiv auf das Kind auswirken kann.

Das Problem ist vielschichtig und mit einfachen Antworten nicht zu packen. Und nein, die Mutter ist nicht einfach schuld, weil sie nicht entspannt genug ist und so ihr Kind rappelig macht.

Bei der Ursachenforschung beginnt die Arbeit von Kathrin Seidl. Genau hinschauen. Wie war die Schwangerschaft? Gibt es Paarprobleme, eine Wochenbettdepression, ein anderes trauriges Thema in der Familie, das noch nicht aufgearbeitet ist, vielleicht ein früher verlorenes Kind? Gab es ein gesundheitliches Problem? Kam das Kind per Kaiserschnitt zur Welt? Seidls Liste wird lang und immer länger.

In der Region, sagt die Hebamme, leben viele Zugezogene. Selten haben die jungen Familien Verwandte in der Nähe, die sie unterstützen. Viele Eltern haben das Kind lange geplant, die Erwartungen an das Leben mit dem Baby und die eigene Leistung als Eltern sind übergroß. Oder der Chef hängt schon in den Köpfen der Frauen, die schnell zurück wollen oder müssen in den Beruf. Da ist das Kind manchmal noch nicht mal auf der Welt. All das kann Spannungen erzeugen.

Man weiß inzwischen, erklärt Seidl, dass Säuglinge schon alle Sinne beisammen haben, sie spüren, was mit den Eltern ist. Sie spiegeln dies und drücken es auf ihre Weise aus: Sie weinen, manche stundenlang, über Tage, Wochen, Monate.

Sind es mehr Kinder als früher, die so schreien? Seidl wiegt den Kopf. Ihre Kolleginnen in den Kreißsälen und auf den Kinderstationen berichten tatsächlich über mehr Kinder, die von Anfang an unglaublich wach auf die Welt kommen, kaum schlafen. Das könnte eine weitere Ursache für die Schreierei sein. Diese wachen Kinder können die Reize ihrer Umgebung noch nicht verarbeiten, der Stress muss raus: Sie schreien.

Weinen erleichtert das Kind

Seidl versucht, den Eltern das Weinen ihrer Kinder zu erklären. Jeden erleichtert es, wenn er sich ausheulen kann. So empfinden auch Säuglinge. Wenn die Eltern das Weinen anders einschätzen lernten, könnten viele entspannter damit umgehen.

Seidl arbeitet körpertherapeutisch. Wie fühlt sich das an bei der Mutter, wo sitzt der Knoten, wenn das Kind weint? Wie kann ich wieder atmen, bekomme ich ein gutes Gefühl? Das Wichtigste ist, sagt die Hebamme, dass die Eltern den Schritt machen und ihre Grenzen akzeptieren; dass sie bereit sind, sich Hilfe zu holen.

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