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Als „Schlecker-Frau“ in der Kita

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Von: Fabian Böker

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Von der Drogerie in die Kita: Claudia Velten sattelte um.
Von der Drogerie in die Kita: Claudia Velten sattelte um. © Monika Müller

Claudia Velten verlor ihren Job bei der Drogeriekette Schlecker. Nach der Insolvenz schrieb sie 84 Bewerbungen für den Einzelhandel - erfolglos. Nun arbeitet sie in Bad Homburg als Erzieherin.

Im Jahr 2012 war der Begriff „Schlecker-Frauen“ sowohl für die Wahl zum Wort als auch zum Unwort des Jahres nominiert. Gemeint waren die in erster Linie weiblichen Mitarbeiter der Drogerie, die im selben Jahr pleite ging. Eine von ihnen war Claudia Velten. Sie hat nun eine neue Arbeit in Bad Homburg gefunden – als Erzieherin in einer Kindertagesstätte.

Im Januar 2012 ging der Drogerie-Riese Schlecker in die Insolvenz, im Sommer des gleichen Jahres nahm sich dann die damalige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) des Themas an. Sie schlug den rund 23 000 betroffenen Frauen vor, auf Erzieherin umzuschulen. Bis zum Herbst taten das dann lediglich 81 Frauen.

Auch Claudia Velten hatte daran zunächst keinen Gedanken verschwendet. 22 Jahre war sie bei Schlecker beschäftigt, leitete elf Jahre die Filiale im mittelhessischen Burgsolms. Nach der Insolvenz schrieb sie 84 Bewerbungen für den Einzelhandel. „Acht Mal bekam ich eine Antwort, drei Mal wurde ich zum Gespräch eingeladen“, erinnert sie sich. Geklappt hat es nie. „Entweder war ich überqualifiziert, zu alt, oder man hat mir eine 450-Euro-Stelle angeboten.“

Dann kam eines Tages ihre Tochter nach Hause. Die ist Erzieherin und hatte im Radio von dem Vorschlag von der Leyens gehört. „Mama, du wirst jetzt Erzieherin“ – diese Aufforderung sollte die Wendung in Claudia Veltens Leben sein.

So kam es, dass die gelernte Industriekauffrau kurz vor ihrem 50. Geburtstag wieder anfing, die Schulbank zu drücken. An einem Berufszentrum in Wetzlar setzte sie sich zunächst gegen fast 100 Mitbewerber durch und ergatterte einen von 86 Plätzen. „Ich wurde von den Mitschülern liebevoll ‚Omi‘ genannt“, denkt Velten lachend zurück. Aber schon die Tatsache, dass sie das Auswahlverfahren bestanden hatte, verlieh ihr neuen Mut.

Zwei Jahre dauerte die Umschulung, danach begann das Anerkennungsjahr an einer Kita im nahen Waldsolms. Die eigentlich obligatorischen zwei Jahre Sozialassistenz entfielen, weil Claudia Velten ausreichend ehrenamtliche Arbeit mit Kindern nachweisen konnte. Dazu zählt ihre Tätigkeit als Jugendtrainerin im Tennis ebenso wie die 30-jährige Erfahrung im Kinderfasching. Ganz zu schweigen, dass sie neben ihrer Tochter auch schon eine zwölfjährige Enkelin hat.

Acht Bewerbungen, acht Zusagen

Nach dem Jahr in Waldsolms waren es erneut rund 40 bis 50 Bewerbungen, die die heute 53-Jährige abgeschickt hat. Da sie im unmittelbaren Umkreis nicht genommen wurde, schrieb sie an Einrichtungen in Frankfurt und Umgebung. Acht Bewerbungen, acht Einladungen, acht Zusagen – Claudia Velten hatte die Wahl.

Sie entschied sich für Bad Homburg, wo sie am Montag ihre Stelle in der Krippe der Kita Leimenkaut angetreten hat. „Das Pendeln ist für mich kein Problem“, sagt sie. „Ich bin noch zu jung für die Frührente.“

Dass sie nun in einer Kita arbeitet, ist natürlich eine Umstellung. „Ich habe früher anders über diesen Beruf gedacht“, gibt sie zu. „Aber jetzt weiß ich, dass eine Erzieherin mehr macht als nur Kaffee zu trinken und mit den Kindern zu spielen.“ Dass sie nicht Chefin, sondernnormale Angestellte ist, stellt für Claudia Velten auch kein Problem dar. Sie sieht vor allem eines an ihrem neuen Job: „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.“

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