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Schlaglöcher müsste man haben

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Der Weiße Turm ist das Wahrzeichen Bad Homburgs.
Der Weiße Turm ist das Wahrzeichen Bad Homburgs. © FR/Surrey

Die hessische Schlösserverwaltung kämpft gegen die Winterschäden und gegen Sanierungssünden. Die Behörde betreut 50 Schlösser, Burgen und andere historische Gebäude in Hessen.

Die hessische Schlösserverwaltung kämpft gegen die Winterschäden und gegen Sanierungssünden. Die Behörde betreut 50 Schlösser, Burgen und andere historische Gebäude in Hessen.

Auf die Autofahrer ist Karl Weber ein wenig neidisch: 100 Millionen Euro macht das Land für die Schlaglöcher des Winters locker. Auch die landeseigenen Schlösser könnten ein solches Programm gut gebrauchen, meint der Chef der Schlösserverwaltung – es bröselt überall. Die ersten Mauern sind schon eingestürzt.

Karl Weber hebt eine lose Putzschicht am Bad Homburger Schloss an. Darunter rieselt es, ein blaues Plastiknetz kommt zum Vorschein. Eine Sanierungssünde des 20. Jahrhunderts, meint der Direktor der Verwaltung Staatlicher Schlösser und Gärten Hessen. Der Rundgang ums Schloss zeigt an mehreren Stellen Schäden: bröckelnde Mauern, breite Spalten in Sandsteinblöcken, lose Treppenstufen. „Das sind unsere Klassiker“, sagt Weber.

Das Frühjahr zeigt es

Wie in Bad Homburg sieht es nach seinen Worten überall aus. In ganz Hessen betreut die Behörde 50 Schlösser, Burgen und andere historische Gebäude. Die Ursache ist immer dieselbe, das Frühjahr mit warmen Tagen und frostigen Nächten ist die kritischste Zeit: Wasser dringt durch Ritzen ins Mauerwerk ein, Frost vergrößert die Spalten, innen löst sich der historische Kalkmörtel auf, schließlich verlieren die Steine den Halt, die Mauern brechen zusammen. So geschehen 2010 in Schloss Lichtenberg in Südhessen. Auch auf der Burg Frankenstein südlich von Darmstadt brach eine Mauer ein, die nach außen intakt wirkte, aber innen nur noch aus Sand und Wurzeln bestand.

Das wäre nicht passiert, wenn die Mauern kontinuierlich gepflegt und vor allem mit dem richtigen Material repariert worden wären, sagt Weber. „Frühere Sanierungen haben mehr kaputtgemacht als heil.“ Umweltschäden seien dagegen geringer als früher. Auf den Gebäuden machen sich jetzt Flechten breit – sie gelten als Zeichen für gute Luft.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden schadhafte Fugen meist mit Zement ausgebessert. Gut gemeint, aber völlig falsch und sogar schädlich, sagt Weber. „Man hat es damals nicht anders gewusst.“ Der harte Zement schließt die Fugen zwischen den Natursteinen nach außen ab, aber Wasser kann trotzdem durch feine Risse eindringen. Innen wird der Kalkmörtel immer feuchter und weicher, der Kalk löst sich allmählich auf, bis schließlich nur noch loser Sand übrigbleibt. Das ist häufig von außen gar nicht sichtbar. „Mauerwerk versagt ohne Vorankündigung, schadhaftes Holz hört man“, sagt Webers Mitarbeiterin Anja Dötsch.

Richtig behandelt, halten die Mauern Jahrhunderte. Der Kalkmörtel verhärte und gleiche Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen aus. Regelmäßige Pflege mit traditionellen Materialen sei nötig und könne unter dem Strich enorme Kosten sparen. Bei der jährlichen Baubegehung der Schlösser werde aufgelistet, was nötig wäre: „Die Listen enden immer mit mehreren Millionen.“

Für die reine Bauunterhaltung und die Pflege der Parks hat die Schlösserverwaltung in diesem Jahr 2,8 Millionen Euro: „Das reicht hinten und vorne nicht“, sagt Weber. Wenn die Schäden nicht im Sommer repariert werden könnten, würden sie immer größer. Und es sind nicht nur die Mauern. Allein das Bad Homburger Schloss habe 600 Fenster; an vielen blättert der Lack, und Feuchtigkeit greift das Holz an.

Das Wahrzeichen der Stadt

Für die Stadt ist das Schloss als Touristenmagnet und Veranstaltungsort enorm wichtig. Der Weiße Turm im Schlosshof sei das Wahrzeichen der Stadt, bildet mit den Kirchtürmen die Silhouette, sagt Oberbürgermeister Michael Korwisi (Grüne). „Das Schloss und der Schlosspark sind Juwelen, auf die wir sehr stolz sind.“

„Wir sind nicht undankbar“, meint Weber, aber die Relation zwischen Schlagloch-Sonderprogramm und Schlösser-Unterhaltung stimme einfach nicht. Geldmangel sei das falsche Argument, denn „richtige Sanierung ist langlebig.“ Das hessische Wissenschaftsministerium sieht die Probleme, verweist aber auf die erhebliche Aufstockung der Mittel. Bis 2010 habe es lediglich 1,6 Millionen Euro jährlich für die Bauunterhaltung gegeben, sagt Sprecher Ulrich Adolphs. (dpa)

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