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Schläge und Lappegemüs

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Von: Olaf Velte

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Die Ketteler-Francke-Schule heute.
Die Ketteler-Francke-Schule heute. © FR/Schick

1910 nahmen die ersten Schüler in der neuen Kirdorfer Volksschule ihr Plätze ein. Hundert Jahre später zeigt das Heimatmuseum dazu eine Ausstellung. Von Olaf Velte

Am 9. Mai 1910 herrscht Aufbruchstimmung in Kirdorf. Es ist heller Morgen, als sich Schüler und Lehrer auf den Weg zur Anhöhe im Wendelfeld machen. Vorneweg marschiert Hauptlehrer Johann Feldmann, der die Schar zur neu gebauten Volksschule führt.

Heute führt Hans Leimeister, Vorsitzender des Kirdorfer Heimatmuseums-Vereins, zwar nicht durch die mittlerweile dicht besiedelte Gemarkung - aber durch eine Ausstellung zum 100. Jubiläum der Schule.

Für die Ausstellung hat Kuratorin Ursula Stiehler alles zusammengetragen, was im Ort zu finden war. Neben Fotografien zu Einschulungen, Wandertagen und Klassenfesten finden sich auch Gegenstände des Alltags: Tintenfässer, vollgeschriebene Hefte, Ranzen mit Schnallenverschluss, Milchgriffel. Daneben der blaue Wipproller von Willi Müller, Baujahr 1930. Die Schautafel "Handarbeitsstiche" zeigt vom Steppstich bis zur Zick-Zack-Hohlnaht eine heute fast vergessene Kunst.

Badewannen für alle

Bis 1918 wurden die Züchtigungen durch Lehrerhand genau geregelt: Da gab es für Buben, die während des Unterrichts schwätzten, "1 Schlag aufs Gesäß", und eigensinnige, unfolgsame Mädchen mussten mit "Stockschlägen auf beide Hände" rechnen. 1946 wurden die Prügelstrafen abgeschafft - stattdessen herrschten Not und Hunger. Schulspeisungen waren nach Ende des Weltkrieges an der Tagesordnung. Das "Lappegemüs" aus Blattspinat kam bei den Kirdorfer Kindern nicht gut an, wie sich Hans Leimeister erinnert: "Alle zwei Wochen gab es Kakao - das war das Beste." Im Kellergeschoss des imposanten Gebäudes befanden sich in jenen Jahren noch Turnraum und Badewannen. Während die Körperertüchtigung den Schülern vorbehalten war, durfte das Bad von allen Kirdorfern benutzt werden.

Die älteste Kirdorfer Schule stand in der Borngasse, die folgende wurde 1826 in der Bachstraße eingeweiht und bot Platz für 400 Kinder. Mit der Eingemeindung nach Bad Homburg siedelten sich ab 1902 nicht nur Evangelischgläubige an, in der alten Schule wurde es auch zu eng. Die aufstrebende Kurstadt bezahlte einen Neubau, der 5 404 Quadratmeter beanspruchte. Von Baumeister Buckow geplant, entstand ein imposanter Bau mit hohen Fenstern auf einem Grundstück außerhalb des Dorfkerns. "Bis heute ist die Bausubstanz kerngesund", sagt Leimeister.

Katholische und evangelische Schüler wurden klassenweise streng getrennt - eine Regelung, die erst 1939 beigelegt wurde. Jede Konfession durfte nur die eigenen Plumpsklos benutzen. Der Mainzer Bischof Wilhelm von Ketteler gab der katholischen Sektion den Namen, die evangelische nannte sich nach dem protestantischen Theologen August Francke. Seit 1945 erinnert die Umbenennung in Ketteler-Francke-Schule an die Ursprünge.

Nach 100 Jahren hat der vor wenigen Jahren renovierte Altbau an der Weberstraße nichts von seinem Reiz eingebüßt. Zusammen mit der 1913 geweihten Evangelischen Gedächtniskirche bildet er, mittlerweile von der Stadt umschlossen, ein prägnantes Ensemble. 330 Kinder und 20 Lehrer bevölkern derzeit die Grundschule mit ihren beiden Turnhallen und dem großzügigen Schulhof. "Die großen hohen Räume sind herrlich", sagt Direktorin Brigitte Happel, die seit Jahrzehnten hier arbeitet. Jedem Klassenzimmer hatte der Erbauer einen Nebenraum beigegeben - "ganz modern". Und aus dem Musiksaal blickt man, wie damals, hinüber zu den Taunusgipfeln.

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