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Telefonbetrügern auf der Spur: Kommissar Marco Hill.

Kriminalität im Hochtaunus

"Am besten gleich auflegen"

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Marco Hill, Kriminalhauptkommissar im Hochtaunuskreis, spricht im FR-Interview über die Tricks der falschen Polizisten und Schüsse auf echte Beamte.

Regelmäßig vermeldet die Polizeidirektion Hochtaunus Versuche von Betrügern, an das Geld alter Menschen zu kommen, indem sie sich als vermeintliche Familienangehörige, Mitarbeiter von Stadtwerken oder als Polizeibeamte und Staatsanwälte ausgeben. Kriminalhauptkommissar Marco Hill gehört einer speziellen Arbeitsgruppe in Bad Homburg an, die sich seit anderthalb Jahren um solche Fälle kümmert. 

Herr Hill, wie fällt Ihre Bilanz aus?
Es ist uns gelungen, einen Großteil der vollendeten Delikte aufzuklären. Die Quote liegt bei etwa 80 Prozent. Das heißt aber leider nicht, dass die Opfer immer auch ihr Geld wiederbekommen. Außerdem gibt es deutlich mehr Versuche als vollendete Taten. Da ist die Aufklärung natürlich schwieriger.

Vor einiger Zeit war der Enkeltrick die gängige Masche, um ältere Menschen um ihr Geld zu bringen, dann hatten die „falschen Polizeibeamten“ Konjunktur. Gibt es einen neuen Trend?Enkeltrick und „falsche Polizeibeamte“ gibt es weiterhin. In der neuesten Variante täuschen die Täter einen angeblichen Bombenfund in der Nachbarschaft vor und fordern die Leute auf, im Hinblick auf eine bevorstehenden Evakuierung ihre Wertsachen zusammenzupacken und an vermeintliche Polizeibeamte zu übergeben. Hinzu kommen Inkassogeschichten und Gewinnversprechen. Da heißt es dann etwa, beim Zoll in Bremen liegt ein Gewinn von 150 000 Euro für Sie bereit, Sie müssen aber vorher noch Zollgebühren von 17 000 Euro bezahlen. 

Wer ist das typische Opfer?
Älter als 70 Jahre und alleinstehend. Die Auswahl findet über Telefonlisten statt, die Täter suchen nach Vornamen, die auf eine ältere Person hindeuten. Zum Teil werden ganze Straßenzüge abtelefoniert. Das Ganze ist kein typisches Problem des Hochtaunuskreises. Die Täter agieren europaweit, sie sind auch in Bulgarien und der Türkei aktiv. Sie suchen sich aber eher dicht besiedelte Regionen aus als ländliche. Das Rhein-Main-Gebiet ist gefährdeter als etwa der Vogelsberg. 

Wie gelingt es den Tätern, Menschen dazu zu bringen, eine Plastiktüte mit mehreren Tausend Euro vor die Haustür zu legen – und das nur auf Grund eines Telefonanrufs?
Die Opfer sind oft allein und für diese Art der Gespräche zugänglich. Wenn sie sich erst einmal darauf eingelassen haben, wird es für viele schwierig, da wieder herauszukommen. Die Telefonkontakte ziehen sich manchmal über Wochen hin, den Tätern gelingt es, ein Vertrauensverhältnis zu ihren Opfern aufzubauen. Das hat auch nichts mit dem Bildungsgrad der betroffenen Person zu tun. Wir hatten sowohl Akademiker als auch Hausfrauen, die bezahlt haben. 

Im vergangenen Februar hat ein Mann in Glashütten sogar mit einem Jagdgewehr auf die echte Polizei geschossen, nachdem er von „falschen Polizeibeamten“ per Telefon dazu angestiftet worden war. Gibt es neue Erkenntnisse zu der Tat?
Das Ermittlungsverfahren ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber der Stand ist gut. Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen. Ein solcher Vorfall ist bislang einmalig in ganz Deutschland. Das Ganze war eine tragische Geschichte. Der Mann war zwar schon über 90 Jahre alt, aber geistig und körperlich noch fit. Er konnte sich das Ganze nachher selbst nicht erklären. Ein vermeintlicher Oberstaatsanwalt hatte ihn aufgefordert zu schießen, weil die Beamten angeblich ihn und seine Frau töten wollten. 

Welcher Fall hat Sie persönlich am stärksten beeindruckt?
Eine ältere Dame, die sich von der Rente Geld abgespart hatte für schlechtere Zeiten. Das hatte sie vakuumiert und in einem Bücherregal versteckt. Den Betrügern hat sie dann das gesamte Geld, ihren Schmuck und sogar einen Reisewecker abgeliefert. Sie war danach richtig verzweifelt.

Um welche Summen geht es bei den Betrugsfällen per Telefon?
Wir hatten schon Schäden im sechsstelligen Bereich. Der höchste Betrag waren 1,1 Millionen Euro, die das Opfer in zwei Tranchen an der Haustür abgegeben hat. 

Was können Sie über die Täter sagen?
Die „falschen Polizeibeamten“ rufen aus Callcentern in der Türkei an. Der Enkeltrick ist eher eine polnische Geschichte. Die Täter haben in der Regel Logistiker vor Ort, die wiederum die Abholer losschicken, um das Geld oder den Schmuck bei den Opfern einzusammeln. 

Wie kann man an die Drahtzieher herankommen?
Die Abholer sind natürlich die Ersten, die man festnimmt, zum Beispiel durch eine gestellte Geldübergabe. Über deren Aussage können wir an die Logistiker herankommen und über diese dann an die Anrufer. Das sind größtenteils Leute, die in Deutschland aufgewachsen sind und akzentfrei Deutsch sprechen, manche sogar mit hessischem oder fränkischem Dialekt. 

Wie hat sich die Zahl der Delikte verändert?
Eine genaue Statistik für 2018 haben wir noch nicht. Grob kann man sagen: In Sachen Enkeltrick und „falsche Polizeibeamte“ hatten wir mehr Fälle, aber weniger, bei denen es geklappt hat. 

2017 gab es 425 registrierte Betrugsversuche, davon hatten nur elf Erfolg. Das klingt gar nicht so viel.
Ja, aber das Problem ist eine wahnsinnige Verunsicherung durch die Anrufe. Die Folge ist, dass die Leute uns zum Teil gar nicht mehr ins Haus lassen. Viele haben auch Angst, dass die Täter nach einem erfolglosen Anruf bei ihnen einbrechen. Das ist aber bislang noch nie vorgekommen.

Was empfehlen Sie Menschen, die solche Anrufe erhalten?
Ganz entscheidend ist: Geben Sie niemandem Geld, Schmuck und überweisen Sie nichts. Selbst wenn Sie davor zwei Wochen lang immer wieder mit den Tätern gesprochen haben, ist bis dahin ja noch nichts passiert. Am besten ist es aber, gleich aufzulegen und niemanden ins Haus zu lassen. In der Regel kündigen Stadtwerke oder die Süwag ihre Besuche vorher schriftlich an. 

Zur Person: Marco Hill ist Mitglied der Arbeitsgruppe Straftaten zum Nachteil älterer Menschen (SÄM) im Hochtaunuskreis. Der Kriminalhauptkommissar (40) ist seit fast 20 Jahren bei der Polizei, seit 2003 arbeitet er in der Station Bad Homburg. Die Arbeitsgruppe SÄM besteht aus drei Beamten. twe

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