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Mit 91,1Prozent von 191 Stimmen haben die Piraten den amtierenden Vorsitzenden Sebastian Alscher für ein weiteres Jahr gewählt.

Gegenprogramm zu den Etablierten

Bundesparteitag: Piraten entern die Kurstadt Bad Homburg

Vom Schwerpunkt ,Netzpolitik' haben sich die Piraten seit ihrer Gründung 2006 bis heute zu einer Mehr-Themen-Partei gemausert. Auf ihrem Bundesparteitag im Bürgerhaus Kirdorf präsentierten sich Mitglieder und Sympathisanten als kunterbunte Truppe, die irgendwie in kein klassisches Polit-Klischee passt.

Bad Homburg - Keksrollen, Schokoriegel, Mandarinen, selbst geschmierte Butterbrote sowie Kaffee in Thermoskannen und daheim abgefüllte Fruchtsaftschorle flankieren die Laptops auf den Tischen im Bürgerhaus Kirdorf.

Kurz vor Beginn des Bundesparteitages liegt vielstimmiges Gemurmel im großen Saal. Die Stimmung ähnelt der in einem Hörsaal vor dem Vorlesungsbeginn. Gewiss überraschend: Die Kleidung der knapp 200 Besucher beim Bundesparteitag der Piratenpartei ist eine Nummer legerer und salopper als an der Uni.

Neben bunt bedruckten T-Shirts und Sweatern dominieren moderne "Hoodies" den Raum, die man ja früher als Kapuzenpullis kannte. Noch bevor die Besucher - anders als bei den großen Parteien gibt es bei der noch jungen Partei keine Delegierte - offiziell begrüßt werden, wendet sich ein Sprecher über Mikro und Lautsprecher. "Selbst mitgebrachtes Essen und Getränke sind mit Blick auf den Hallen-Caterer hier nicht erlaubt. Wenn Ihr diese nicht etwas weniger auffällig hinlegt, kann es sein, dass wir der Halle verwiesen werden", so der freundliche Hinweis, der aber ohne erkennbare Reaktion ignoriert wird.

Weg vom Klischee

Beim Blick in die Reihen stellt man sich nochmals die Frage, wie man sich eigentlich den prototypischen Piraten vorstellen könnte. Das gängige Klischee, dass aufgrund des einst alleinigen Themenschwerpunktes "Netzpolitik und Internet" hauptsächlich Computerfreaks oder sogenannte Nerds bei den Piraten beheimatet sind, trifft heute offensichtlich nicht mehr zu. Vielleicht spricht die Partei heute vielmehr Menschen an, die nicht in die gängigen Klischees und Lebensläufe fallen, die Politikern gerne zugeschrieben werden?

"Anders sein", das trifft vielleicht als Beschreibung am ehesten zu. So, wie einst die Grünen nach Parteigründung in ihrem Erscheinungsbild aus dem politischen Raster fielen und sich keinem Klischee zuordnen ließen.

Ganz offensichtlich wollen die nach Bad Homburg gekommenen Piraten bewusst ein Gegenentwurf zu den anderen Parteien sein. "Die Unzufriedenheit mit der großen Politik und den Wahlprogrammen der anderen Parteien führte mich 2011 zu einem Infostand der Piratenpartei in Koblenz", berichtet etwa Marie Salm. Sie bezeichnet sich selbst als sozial, aber auch als digital engagiert und äußert sich klar gegen eine Überwachung und Zensur im Internet.

"Die größte Schnittmenge gab es tatsächlich mit den Piraten", benennt die Landesvorsitzende aus Rheinland-Pfalz im Gespräch mit dieser Zeitung am Rande des Parteitags am Samstag ihre Beweggründe, Mitglied zu werden.

Struktur durchlässiger

Bei den Piraten gebe es keine klassische Hierarchie wie bei anderen Parteien. Die Struktur sei durchlässiger, es gebe keinerlei Hürde, Menschen kennenzulernen. Jedes einzelne Mitglied habe die Möglichkeit, sich einzubringen.

Einige Mitglieder sind ganz offensichtlich froh, auf dem Parteitag viele neue Mitglieder kennenzulernen, mit denen sie meist nur über die digitalen Diskussionsforen in Kontakt standen. "Viele kennen sich ja nur über Twitter, Telegram, das Piraten-Forum, Discord oder Mumble", sagt etwa die hessische Landesvorsitzende Martina Scharmann. "Natürlich kommunizieren viele auch in Chat-Foren für kurze Nachrichten oder werden über Mailing-Listen informiert."

Tatsächlich gehören vor allem jüngere Besucher wie Yasmin Schulze zur Generation der "Digital-Natives" (mit den neuen Technologien sozusagen aufgewachsen und deswegen damit vertraut). "Meinungsfreiheit im Internet und Datenschutz sind mir ganz wichtig", sagt die 23-Jährige aus Frankfurt. "Ich bin bei den Piraten eingestiegen, weil mir die Safe-Internet-Bewegung wichtig ist. Die Debatte um die Auswirkungen der geplanten EU-Urheberrechtsreform Artikel 13/17 hat mich wachgerüttelt."

Im Laufe des Bundesparteitages wurde letztlich viel über die digitale Entwicklung der Gesellschaft diskutiert. Neben dem Ausbau des Glasfasernetzes stand aber auch der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs auf der Agenda.

Als "Freiheitspaket" gilt die Forderung, sämtliche staatlichen Überwachungsbefugnisse zurückzudrehen. In den Schulen müsse mehr Medienkompetenz und Technikverständnis vermittelt werden.

Sicherlich anfreunden könnten sich die Piraten mit einem Antrag der Grünen, die Stadtbusse bei großen Festen für die Fahrgäste kostenlos rollen zu lassen*.

*fnp.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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