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Nie ohne Anklopfen ins Zimmer

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Michael Thurn soll sexuellen Missbrauch im Bistum Limburg verhindern.
Michael Thurn soll sexuellen Missbrauch im Bistum Limburg verhindern. © Privat

Michael Thurn vom katholischen Bistum Limburg schult Jugendleiter im Umgang mit Nähe und Fällen von Missbrauch. Worauf sie achten müssen, erklärt er im FR-Interview

Herr Thurn, die Sommerferien beginnen in vier Wochen. Melden Eltern ihre Kinder nach der Debatte um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche nicht mehr zu Ferien- und Wochenendfreizeiten an?Das können wir erst richtig beurteilen, wenn der Sommer vorbei ist. In einigen Orten sind die Freizeiten ausgebucht, in anderen sind noch Plätze frei.

In Oberursel startete jetzt eine Reihe von Seminaren, die Jugendleiter der Kirche für das Thema sexueller Missbrauch sensibilisieren soll. Was genau lernen die dort?Viele sind sehr unsicher geworden, was das Thema körperliche Distanz und Nähe anbelangt. Alle Freizeiten leben auch von körperlicher Nähe, sonst sind sie zu unpersönlich und steril. Aber worauf ist zu achten, wenn man ein Kind trösten muss, es beim Sport zu körperlicher Berührung kommt, wenn jemand krank wird oder wir einfach nur eine Zecke entfernen müssen? Das geht alles nicht ohne Körperkontakt.

Grundsätzlich aber müsste doch jedem klar sein, dass es ein Unterschied ist, ob ich einem Kind eine Zecke entferne oder es sexuell missbrauche.Natürlich kann man das auseinanderhalten. Aber die Frage ist, ob es Situationen gibt, die falsch gedeutet werden können. Das verunsichert manchen Betreuer.

Was darf denn ein Pastoralreferent, ein Pfarrer oder ein jugendlicher Betreuer tun und was nicht?Zunächst einmal sollten die Verantwortlichen vor jeder Ferienfreizeit besprechen, wie man mit Nähe und Distanz umgeht und welche Regeln man aufstellt.

Wie sehen solche Regeln aus?Wenn ein Kind gern von einem Betreuer in den Arm genommen werden möchte, wird er nicht in einem leeren Zimmer darauf eingehen und die Tür hinter sich schließen, sondern vor anderen. Das Bedürfnis nach Nähe darf auch nie der Wunsch eines Teamers sein. Ein Betreuer sollte die Intimsphäre der Kinder achten, deren Toiletten, Duschen und Schlafräume nicht betreten, niemals ohne Anklopfen in das Zimmer von 13-jährigen Mädchen gehen. Das wird ja auch bisher schon so gemacht, aber jetzt wird es einfach nochmal deutlich thematisiert.

Gibt es eine goldene Grundregel?Offenheit und Transparenz sind die obersten Regeln. Freiheit und Wille eines Kindes sind zu achten. Kinder dürfen nie zu etwas gezwungen werden. Das fängt bei einer Nachtwanderung an. Wenn ein Kind das nicht möchte, müssen wir das respektieren.

Wie können Eltern ihre Kinder denn davor schützen in unangenehme Situationen zu kommen?Starke Kinder, die "Nein" sagen können, sind die beste Prävention.

In der Diskussion um Missbrauch werden oft viele Dinge durcheinandergeworfen. Wo fängt sexuelle Gewalt an?Missbrauch fängt dort an, wo Erwachsene und Jugendliche ihre Machtposition so ausnutzen, dass sie damit ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse mit Hilfe von Schutzbefohlenen oder abhängigen Personen befriedigen. Das können schon obszöne Telefonate sein oder das Zeigen von Filmen bis hin zu Berührungen.

Kommt es denn auf Ferienfreizeiten häufiger zu Missbrauchsfällen als im Alltag?Dazu gibt es keine verlässlichen Aussagen. Fachleute sagen allerdings, dass Freizeiten kein erhöhtes Gefährdungspotenzial bieten. Sexueller Missbrauch bahnt sich meistens langfristig an. Die Täter verfolgen eine Strategie. Es gibt selten Übergriffe von jetzt auf gleich. Unsere Seminare sollen die Jugendleiter vor allem auch dafür schulen, mögliche Opfer von Missbrauch zu erkennen. Schätzungsweise wird jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Junge Opfer von sexuellem Missbrauch. Daher sind auch auf Freizeiten eventuell Kinder dabei, die solche Erfahrungen mitbringen.

Sie arbeiten bei den Seminaren mit externen Fachleuten zusammen, warum?Wir haben als Kirche zu lange die Perspektive der Opfer zu wenig im Blick gehabt. Da besteht Nachholbedarf. Wir müssen bei allem, was wir tun, darüber nachdenken, wie sich die Situation aus der Perspektive von Kindern darstellt.

Interview: Martina Propson-Hauck

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