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Zwischen Starkregen und Dürre

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Der Ingenieur Arne Klawitter erklärt der Bürgerversammlung, wie wassersensitive Stadtentwicklung funktionieren kann. reimer
Der Ingenieur Arne Klawitter erklärt der Bürgerversammlung, wie wassersensitive Stadtentwicklung funktionieren kann. reimer © mrm

Bürgerversammlung zu Wassermangagement in Zeiten der Klimakatastrophe

Oberursel - Nach mehreren Hitzesommern, dauergelber Trinkwasser-Ampel und Starkregenereignissen treibt die Oberurseler das Thema Wasser um: Die Bürgerversammlung am Mittwoch - Überschrift: „Zu wenig, zu viel? Wasser in Oberursel zwischen Trockenheit und Starkregen“ - lockte rund 100 Interessierte in die Stadthalle. Ans Rednerpult traten zwei Experten und eine Expertin: Dr. Walter Lenz, Geologe vom HG Büro für Hydrogeologie und Umwelt GmbH, Dr. Arne Klawitter vom Planungsbüro aquadrat ingenieure GmbH sowie Julia Antoni, Geschäftsführerin bei den Oberurseler Stadtwerken.

Geologe Lenz sprach über die geologisch-hydrologischen Rahmenbedingungen: Durch Muldenstrukturen, die der Quarzit bilde, seien im Hochtaunus Wannen entstanden, die bei Niederschlag, also in den Grundwasserneubildungsphasen, volllaufen. „Der Überlauf der Wannen hat zum Wasserreichtum geführt“, berichtete Lenz. „Es gab Wasser im Überfluss.“ Schon lang bestünden die Brunnen am unterirdischen Abfluss, der das Wasser von oben nach unten drückt, nämlich in Richtung Nidda und Main. „Wir haben eine Kette von Brunnen, die den unterirdischen Abfluss erschließen.“ Wenn man eine gute Stelle habe wie im Bereich Riedwiese, sei die Ergiebigkeit hoch. Allein: „Die guten Stellen werden zum Großteil schon genutzt. Es wird schwierig, neue zu finden“, sagte Lenz. Und dann gibt es da noch den Klimawandel: Modellen zufolge könnten die Grundwasserneubildungsraten künftig auch im Taunus dramatisch sinken. Wenn weniger Wasser im Gebirge sei, könne weniger erschlossen werden, die Ergiebigkeit der Brunnen sinke. „Tendenziell sieht es in Oberursel nicht so schlecht aus, aber man wird sich mit den Einschränkungen arrangieren müssen.“

Fluten können Kinder mitreißen

Der Klimawandel sorgt aber nicht nur für Trockenheit, sondern auch für Starkregenereignisse: „Wassertiefe und Fließgeschwindigkeit, daraus ergibt sich die Gefährdung. Ab 20, 30 Zentimetern können Kinder von so einem Abfluss mitgerissen werden“, erklärte Ingenieur Klawitter, der ein Schutzkonzept für Oberursel entwickelt. Darin wird er Maßnahmen vorschlagen und priorisieren, die die Starkregengefahren in der Brunnenstadt eindämmen sollen. „In Oberursel fokussieren sich die Probleme auf die Gewässer“, sagte Klawitter - also vor allem den Urselbach. Es gehe darum, möglichst viel Wasser in den Außengebieten, auf Freiflächen und auf landwirtschaftlichen Flächen zurückzuhalten. Die Gefahren lassen sich aber auch vor Ort in den Siedlungsgebieten senken, nämlich über eine „wassersensitive Stadtentwicklung“: Entsiegelung, Sickerpflaster oder Rasengittersteine, Versickerungsmulden an Häusern oder straßenbegleitend im öffentlichen Raum. „Wir nutzen Flächen für den gezielten Rückhalt von Regenwasser und wenn sie dafür gerade nicht gebraucht werden, werden sie für Sport und Erholung genutzt“, sagte Klawitter. Zum Abflussrückhalt trügen auch begrünte Dächer beziehungsweise sogenannte Blaudächer mit Noppenbahnen bei, außerdem Zisternen für die Brauchwassernutzung. In gefährdeten Lagen komme es darüber hinaus auf eine risikoangepasste Gebäudegestaltung an. Klawitter: „Wenn man plant, in Gewässernähe zu bauen, kann es hilfreich sein, die Hauseingänge zu erhöhen.“

Auch Stadtwerke-Chefin Antoni nannte die geologische Lage der Brunnenstadt „glücklich“: So müsse man nur drei Prozent des benötigten Wassers von außerhalb beschaffen. Dennoch sei das Trinkwasser im Sommer knapp, auch in Oberursel. „Die Grundwasseranreicherung nimmt ab, weil Niederschläge und geschlossene Schneedecken zurückgehen. Dazu kommen lange Hitze- und Trockenperioden in den Sommermonaten“, erklärte Antoni. Die vor vier Jahren eingeführte Trinkwasser-Ampel, die sensibilisieren soll, funktioniere gut. „Viele schränken ihren Verbrauch ein, wenn die Ampel auf Gelb steht. Wir mussten noch nicht auf Rot schalten.“

Dass Einzelne sich nicht beteiligten, das gebe es leider in einer Solidargemeinschaft, entgegnete Antoni einem Oberurseler, der moniert hatte, dass im Sommer trotz gelber Ampel jeder fünfte Rasen grün gewesen sei.

Professor Peter Cornel vom Verein Lokale Oberurseler Klimainitiative (LOK) hakte nach in Sachen Zisternensatzung, die derzeit neu gefasst wird. „Wir leisten uns, dass fast 30 Prozent des Trinkwassers in der Toilette runtergespült werden. Wenn in 30 Jahren 30 Prozent weniger Wasser zur Verfügung steht, muss man das bei den Neubauten heute berücksichtigen“, forderte Cornel. Den Verbrauch „spürbar“ zu senken, sei Ziel der neuen Zisternensatzung, die bald vorgelegt werden soll, sagte Rathauschefin Antje Runge (SPD). „Wenn es ums Nachrüsten geht, ist es für die Stadt in der derzeitigen Haushaltslage aber schwierig, finanzielle Anreize zu schaffen.“ mrm

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