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Die ehemalige Thomas-Cook-Zentrale wird zum Teil von Nachfolgegesellschaften genutzt.

Oberursel

„Wir haben eine immense Nachfrage“

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Die Oberurseler Wirtschaftsförderin Ulrike Böhme über die Thomas-Cook-Pleite, Neuansiedlungen und die Zukunft der Innenstadt.

Thomas Cook meldet Insolvenz an, Traditionsgeschäfte schließen. Gleichzeitig füllt sich das Gewerbegebiet „An den Drei Hasen“ und an der Frankfurter Landstraße entsteht für 40 Millionen Euro ein neuer Bürokomplex. In Oberursels Wirtschaft hat sich eine ganze Menge getan. Die Nachfrage nach Gewerbeflächen bleibe hoch, sagt die Leiterin der städtischen Wirtschaftsförderung, Ulrike Böhme.

Ist Ihnen bei den Entwicklungen der vergangenen Monate manchmal schwindlig geworden, Frau Böhme?

Nein. Einiges hatte sich schon seit längerer Zeit angedeutet. Wir sind als Wirtschaftsförderung ständig mit vielen Unternehmern und Eigentümern im Gespräch. Das gilt auch für Bürgermeister Hans-Georg Brum und den Leiter der Stadtentwicklung, Arnold Richter. Dadurch sind wir gut darüber informiert, was sich in Oberursel tut.

Wie steht die Oberurseler Wirtschaft da?

Oberursel ist ein sehr zukunftsträchtiger Standort. In den vergangenen Jahren haben wir einen starken Anstieg der Gewerbeanmeldungen verzeichnet bei einem gleichzeitigen Rückgang an Abmeldungen. Gerade bei Büroobjekten haben wir eine große Nachfrage. Hinzu kommt eine sehr aktive Gründerszene.

Welches Ereignis hat die Stadt härter getroffen – das Aus für Thomas Cook oder das Ende des Kaufhauses Rompel?

Beide haben die Wirtschaftsstruktur der Stadt stark geprägt. Vom Ausmaß her war der Schlag durch Thomas Cook noch etwas härter. Schließlich sind dadurch 1200 Arbeitsplätze verloren gegangen, zudem hatte Thomas Cook eine deutschlandweite Bekanntheit.

Wie sehen Sie die Chancen, dass die Beschäftigten neue Jobs finden?

Soweit ich weiß, haben schon viele einen neuen Arbeitsplatz. Ich bin mit einigen von ihnen in Kontakt. Touristiker werden derzeit glücklicherweise vom Arbeitsmarkt im Rhein-Main-Gebiet durchaus gebraucht.

Das Gebäude am Zimmersmühlenweg steht nun leer. Wird es sich bald wieder füllen?

Da habe ich keine Bedenken. 20 bis 40 Prozent der Flächen werden von den Nachfolgegesellschaften von Thomas Cook genutzt. Für die anderen Flächen gibt es eine gute Nachfrage. Es ist auch ein sehr schönes Büroobjekt.

Welche Einflussmöglichkeiten hat eine Stadtverwaltung überhaupt, wenn ein Großkonzern wie Thomas Cook betroffen ist?

Da gibt es zum einen die politische Schiene. Bürgermeister Brum und die anderen Dezernenten hatten sich auf Bundes- und Landesebene um einen Überbrückungskredit bemüht. Was die Suche nach Nachnutzern für das Gebäude angeht, können wir als Wirtschaftsförderung unsere Kontakte vor Ort aktivieren. Außerdem sind wir gut vernetzt mit den Fördereinrichtungen auf regionaler und nationaler Ebene.

Aus der Innenstadt verabschieden sich die Traditionsgeschäfte. Der Inhaber von Rompel, Andreas Kügel, hat der Stadt vorgeworfen, sie kümmere sich zu wenig um den Einzelhandel.

Zur Person

Ulrike Böhmeist in Oberursel seit 2011 für die Wirtschaftsförderung zuständig. Zuvor war Böhme, die in Trier Wirtschaftsgeografie studierte, unter anderem für das Marketingkonzept beim Hessentag zuständig. In der Wirtschaftsförderung sind drei feste Mitarbeiter tätig.

In Oberurselsind 1200 Unternehmen registriert. Sie bieten Arbeitsplätze für 20 000 Menschen. twe/Bild: Oeser

Was den Einzelhandel angeht, haben wir tatsächlich in den vergangenen fünf Jahren einen krassen Wandel erlebt. Wir sehen aber nicht tatenlos zu, sondern bemühen uns, die Besucherfrequenz in der Innenstadt zu erhöhen. Das muss nicht unbedingt wieder klassischer Einzelhandel sein. Ein Beispiel ist das Vorhaben auf dem Alberti-Areal mit dem Eine-Welt-Laden, dem Verein Windrose und der St.-Ursula-Gemeinde.

Welche Perspektive sehen Sie für die Fußgängerzone?

Die Zukunft liegt in kleinteiligem Einzelhandel plus den Frequenzbringern, zu denen auch Kultur- und Bildungseinrichtungen gehören. Gleichzeitig versuchen wir mit dem Einzelhandelsverband digitale Angebote voranzubringen, die wir an die Händler kommunizieren und deren Interesse abfragen. Daraus könnte sich etwa ein gemeinsames Online-Kaufhaus entwickeln.

Im Gewerbegebiet „An den Drei Hasen“ sind fast alle Grundstücke vermarktet. Wo können Sie Firmen noch etwas anbieten?

Wir haben noch mehrere Optionen, allerdings mit unterschiedlichen zeitlichen Perspektiven. So werden derzeit am Weißkirchener Bahnhof mehrere kleinere Flächen von 1000 bis 2000 Quadratmeter entwickelt, die wahrscheinlich Ende des Jahres in die Vermarktung gehen. Sie sind gedacht für klassische Oberurseler Unternehmen. Für das ehemalige Bostik-Gelände gibt es schon fortgeschrittene Verkaufsgespräche. Weitere Gewerbeflächen entstehen auf dem ehemaligen Hochtief-Areal.

Reicht das aus?

Wir haben eine immense Nachfrage. Das Ausweisen neuer Großareale ist aber unrealistisch. Möglich wäre eine Arrondierung von gut erschlossenen Zonen, etwa entlang der U-Bahn-Strecke. Dort könnten moderne Mischgebiete entstehen. Außerdem bemühen wir uns um Anbieter von Co-Working-Spaces.

Wo könnte man noch neue Flächen entwickeln?

Mittelfristig stehen mit der Südlichen Riedwiese an der Frankfurter Landstraße 17 000 Quadratmeter zur Verfügung, die wir für eine größere Ansiedlung vorhalten sollten. Für das Gebiet gibt es zurzeit noch keinen Bebauungsplan. Auch die Erweiterung des Drei-Hasen-Gebiets sollten wir ins Auge fassen. Und nach meiner Einschätzung ist es wichtig, dass wir am Bahnhof – in dieser hochattraktiven Lage – nicht nur Wohnungen bauen, sondern auch Flächen für Dienstleistungsbetriebe und repräsentative Firmenzentralen vorsehen.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren geändert?

Der direkte Dialog wird immer wichtiger. Durch die digitale Welt sind die Menschen zwar immer stärker vernetzt, doch dabei entsteht auch der Bedarf, sich analog zu begegnen. Diese Möglichkeit geben wir den Unternehmern bereits durch den Standort-Dialog. Hinzu kommen nun die Gründerdialoge. Diese Idee trage ich schon länger mit mir herum und ich denke, die Krebsmühle mit ihrem kreativen Ambiente ist der geeignete Ort dafür.

Was zeichnet den Standort Oberursel aus?

Das Persönliche und das Internationale. Oberursel ist von der Größe her überschaubar, aber trotzdem interessant für Global Player. Die Frankfurt International School ist dabei ein wichtiger Faktor. Hinzu kommt die hervorragende Verkehrsanbindung. Auch die Möglichkeiten unserer digitalen Infrastruktur sind stark. Wir werben daher mit dem Spruch „Oberursel – bestens verbunden“.

Was könnte verbessert werden?

Wir brauchen Wohnraum in unterschiedlichen Kategorien, damit die Mitarbeiter der Unternehmen auch vor Ort leben können. Eine sehr gute Perspektive bietet zudem die Regionaltangente West mit einer direkten Verbindung zum Flughafen in nur 25 Minuten.

Interview: Torsten Weigelt

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