Stadtführerin Marion Unger führt durch die Altstadt, hier an der Stadtmauer.
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Stadtführerin Marion Unger führt durch die Altstadt, hier an der Stadtmauer.

Oberursel

Mit Vollmondgeschichten durch die Altstadt Oberursel

  • vonJürgen Streicher
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Bei „Vollmondgeschichte(n)“ und heißem Winter-Cocktail können sich Besucher auf einen Nachtspaziergang durch die Oberurseler Altstadt begeben.

Der erhoffte Stargast des Abends macht sich lange rar. Versteckt sich hinter Wolken, ist nur zu erahnen. Lässt die Geschichtenerzähler und ihre Zuhörer aber nicht allein. Sie wussten es ja, dass die Chancen für eine pralle Mondschau nicht gut standen... Die Hoffnung, sich von ihm erleuchten zu lassen, begleitet sie trotzdem durch die Nacht. Ein Schluck „Wintermond-Würzwein“ hat sie bereit gemacht.

Sollte tatsächlich eine schwarze Katze vor der Silhouette des Vollmondes auf der Mauer vor der St.-Ursula-Kirche auftauchen, ist sie nicht bestellt. Auch nicht das gepresste Heulen eines Hundes um die Ecken, schon gar nicht das eines Wolfes. So weit würde die Leiterin des Vortaunusmuseums, Renate Messer, niemals gehen. Show, Schocks oder inszenierte Mystik, das wollen Messer und Marion Unger in „Vollmondgeschichte(n)“ nicht vermitteln. Es soll kein esoterisch angehauchter Zirkel des Nachts durch die Altstadtgassen ziehen, wenn Mondsüchtige den prallen Himmelsleuchter unter kulturhistorischen und volkskundlichen Aspekten betrachten. Die magischen Momente, die eine Vollmondnacht besonders macht, muss jeder in sich entdecken.

Für die spezielle Atmosphäre ist der Leuchtkörper am Himmel über Alt-Oberursel schon zuständig. In den Gassen rund um St. Ursula, zwischen Resten von Stadtmauer, mittelalterlichen Treppen und dem einstigen Kerker neben dem alten Rathaus fällt die Zeitreise leicht. Traum und Erinnerung können sich zu einer schönen Melange vermitteln.

Drei Frauen hatten vor ein paar Jahren die Idee zu den „Vollmondgeschichte(n)“. Die Volkskundlerin Renate Messer, die Historikerin Marion Unger, die dem Geschichtsverein vorsitzt, und eine Buchhändlerin, die aber ausgestiegen ist. Zusammen wollten sie den Mondsüchtigen etwas bieten, „etwas Besonderes, bloß keine Nachtwächter-Führung“, so Renate Messer. Vollmondführung hörte sich für alle gut an, „wissenschaftlich, aber auch unterhaltend“ soll es zugehen beim Nachtspaziergang.

Für die Vorbereitung ist Renate Messer zuständig. Im warmen Vorraum des Museums erzählt sie von der kultischen Bedeutung des Mondes in verschiedenen Kulturen, von Mythen und Bräuchen, von irdischen Dingen und was sie mit dem himmlischen Körper zu tun haben. Von der unendlichen Geschichte der Nacht und wie der Mond sie erhellt, sogar vom Mann im Mond und vom roten Hexenmond, von Nachtwächtern und Mühlen-Müllern, in deren Umfeld der Teufel nie weit war. Jeder im Sitzkreis kennt sie, die Geschichten vom Einfluss des Mondes auf Haar- und Holzwachstum, auf Pflanzen, Krankheiten und seelische Zustände. Die Schlussfolgerung überlässt die Mondkundige ihren Zuhörern.

Aus den Ingredienzen des Mond-Cocktails, der den Teilnehmern gereicht wird, macht sie keinen Hehl, nichts Fragwürdiges ist hineingemixt. Neben Riesling aus dem Rheingau gehören Kardamom, Nelke, Zimt, Zitrone, Honig, Vanille und Ingwer dazu.

Leicht berauscht und in allen Sinnen gestärkt geht es hinaus in Dunkelheit. Sicher geführt von Marion Unger im mittelalterlichen Gewand, die mit profunden Kenntnissen der Oberurseler Historie selbst ältere Damen noch überraschen kann, die bereits seit „och, mindestens 60 Jahren“ im historischen Altstadtkern leben und manch schönes Geschichtchen beitragen können. „Da isser“, heißt es erstmals gegen 20.30 Uhr an der alten Burgwache. Hinter dem Turmhelm von St. Ursula schimmert der volle Mond für Momente hinter den Wolken durch. Die letzten unter den Mondsüchtigen werden eine Stunde später vollmondig belohnt. Hoch oben, 31 Meter über dem Kirchhof auf dem Umgang des Turms, zeigt er sich in voller Pracht in feinster Komposition mit all den Lichtern der Nacht.

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