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Oberursel: Stiller Dank für Corona-Einsatz

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Von: Jürgen Streicher

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Beate Mink berichtet von ihrer Arbeit in der Pandemie aus dem Seniorenwohnheim Kursana.
Beate Mink berichtet von ihrer Arbeit in der Pandemie aus dem Seniorenwohnheim Kursana. © Rolf Oeser

Rund 300 Menschen werben vor dem Rathaus für Solidarität in Zeiten der Pandemie.

Fast seltsam diese Stille am frühen Samstagabend. Plötzlich, binnen weniger Minuten, sind aus einer Handvoll Initiatoren, die schnell mit ein paar Scheinwerfern, Mikrofon und Boxen neben einer Sitzbank vor dem Rathaus eine Rednerbühne improvisieren, ein paar hundert Menschen geworden. Von allen Seiten sind sie zum Rathausplatz gekommen, allein, oft zu zweit, keine Gruppen, wie sonst, wenn zu Kundgebungen aufgerufen wird. Keine Plakate, keine Banner, keine lauten Parolen, kein Gedränge, es bleibt still auf dem zentralen Platz im Dämmerlicht. Die Menschen wahren Abstand, für sie ist es selbstverständlich, jeder trägt Maske, zur Stille hat keiner aufgerufen.

„Es hat mir den Boden weggerissen“, bekennt die Ärztin Barbara Müllerleile am Mikrofon auf der Bank. Unterwegs als Notärztin im Kreis Bergstraße hat sie vor allem ältere Menschen in Kliniken begleitet, im Krankenwagen intubiert, an Maschinen zur Beatmung angeschlossen. Tobias Trapp berichtet aus der stationären Kinder- und Jugendhilfe im Haus Gottesgabe in Bad Homburg, von ohnehin traumatisierten Kindern, die anfangs bei Corona-Verdacht bis zu 14 Tage in Quarantäne mussten. Auf engstem Raum leben, mit Klo auf dem Gang, die Erzieherin im Schutzanzug. „Wo wir doch ohnehin auf der Intensivstation der Pädagogik“ unterwegs sind, so Trapp.

„Die Angst, mit der wir jeden Tag gelebt haben“, schildert Beate Mink, stellvertretende Direktorin im Oberurseler Altenheim Kursana. Spricht von der „unfassbaren Maschinerie“, die plötzlich in Gang gesetzt werden musste, als am „Tag X“ die erste alte Dame nach einem Sturz ins Krankenhaus eingeliefert wurde und von dort die Rückmeldung Corona-positiv kam. Von den Tagen kurz vor Weihnachten 2020, als „wir plötzlich fünf Bewohner verloren haben“. Drei Blickwinkel nur, hinter denen sich Dramen ohne Ende verbergen.

Menschen, die hautnah über ihre Erfahrungen in der Pandemie berichten, sollten das Wort haben auf dem Rathausplatz. „Solidarität im Kampf gegen Corona!“ nennt sich das lokale Bündnis der Impfbefürworter, das sich erst ein paar Tage zuvor gegründet und zur Kundgebung aufgerufen hat. Eine Idee, geboren bei „stillen Treffen“, von einzelnen Menschen, die binnen kürzester Zeit Unterstützung in Vereinen, Organisationen und Institutionen gefunden haben.

„Wir gehen nun in das dritte Jahr der Pandemie, die Frustration ist groß und bei manchen liegen die Nerven blank“, hieß es im Aufruf zur Premiere der Kundgebung. „Wir wollen demonstrativ allen den Rücken stärken, die für uns gegen Corona kämpfen“, sagt Dirk Müller-Kästner, ein Initiator vom Verein Kunstgriff Oberursel. Die Menschen auf dem Platz, es werden schnell mehr als 300, wollen Solidarität vor allem denen positiv demonstrieren, die bei ihrer Arbeit tagtäglich mit Corona und all seinen Folgen konfrontiert sind, und denen, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft konstruktive Lösungen suchen.

Wie beim Kunstgriff bei der Sommer-Kultur geht am Ende der stillen Versammlung der Hut rum. Fast 2000 Euro kommen spontan zusammen für die Aktion „Danke geht durch den Magen“. Auch so eine Privatinitiative aus dem Kreis der Veranstalter, mit dem Erlös versorgt Jürgen Kronz schon seit fast einem Jahr immer wieder die vielen Mitarbeitenden auf den von Covid-19 besonders betroffenen Stationen der Hochtaunus-Kliniken und auch die lokalen Stationen des DRK im Kreis mit spontanen kulinarischen Genüssen als Dank für ihren besonderen Einsatz. Nächsten Samstag um 15 Uhr will sich das offene Bündnis wieder treffen am Rathausplatz

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