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Mit Campingstuhl zur Impfung

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Von: Jürgen Streicher

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Pieks im Rathaus: Krankenschwester Sabine Haumann gehört zum mobilen Impfteam der Hochtaunus-Kliniken. Michael Schick
Pieks im Rathaus: Krankenschwester Sabine Haumann gehört zum mobilen Impfteam der Hochtaunus-Kliniken. Michael Schick © Michael Schick

Im Oberurseler Rathaus werden Spritzen ohne Voranmeldung verabreicht. Das niederschwellige Angebot kommt bei vielen Menschen gut an.

Wer um Viertel nach elf kommt und in der Kälte wartet, der ist impfwillig, oder? Keine rhetorische Frage, eher eine Feststellung mit innerer Genugtuung. Dass nämlich die Aktion angekommen ist bei denen, die sich bisher beim Thema Impfen zurückgehalten haben. Die Apothekerin, die mit einer Kollegin in einem Büro im Oberurseler Rathaus die Impfdosen vorbereitet, hat sich gefreut, als sie bei Dienstbeginn die Menschen sah, die schon um 11.15 Uhr vor dem Rathaus Schlange standen, 45 Minuten vor Beginn der Impfaktion. Bei Halbzeit haben sie schon fast 150 Dosen verabreicht.

Es sind nicht mehr ganz so viele Menschen an diesem Samstag wie bei den Sonderimpfaktionen im Dezember. Da lagerten die Willigen vor Beginn um 12 Uhr mittags schon vereinzelt im Campingstuhl vor der Rathaustür, die Warteschlange ringelte sich um den Rathausplatz bis runter zur Polizeistation. „Der Wahnsinn“, so Martin Krebs vom Geschäftsbereich Kultur und Gesellschaft im Rathaus. Mit Kollegin Beate Steinfort-Krailing reicht er den Wartenden Kaffee, kleiner Service der Stadt, die auch den Rathaussaal zur Verfügung stellt. Das mobile Impfteam der Hochtaunus-Kliniken Bad Homburg ist mit zehn Leuten angerückt, bis zu 400 Impfungen haben sie bei den bisherigen Terminen verabreicht, allein im Dezember über 1000 an drei Samstagen.

Impfstoff ist genügend da. Heute gibt es Moderna für die über 30-Jährigen, Biontech für die Jüngeren, verkündet Alcides Maschado im weißen Kittel lautstark den in der Schlange wartenden Menschen draußen in der Kälte. Die Omikron-Variante hat die Infektionszahlen rasant in die Höhe getrieben. Aus dem lange vorbildlichen Hochtaunuskreis ist binnen weniger Tage ein Corona-Hotspot geworden.

Die Fallzahlen steigen vor allem in den beiden größten Kommunen Bad Homburg und Oberursel rapide an. „Wir sind froh, dass wir den Menschen weiter eine unkomplizierte Impfmöglichkeit anbieten können“, sagt die neue Bürgermeisterin Antje Runge (SPD) beim kurzen Blick ins improvisierte Impfzentrum. Ihr Dank gilt vor allem den mobilen Impfteams, die in allen Städten im Taunus unterwegs sind und nach 2500 Impfungen täglich vor Weihnachten immer noch rund 1500 Menschen am Tag impfen.

Das niederschwellige Angebot kommt an, die Impfung ist unkompliziert, eine Anmeldung ist nicht nötig, geboten wird Erst-, Zweit- und Booster-Impfung. Im Rathaus-Foyer stehen Verena Ferschke und Anetta Varga mit Anamnese-Bögen bereit, damit die Abwicklung zügig laufen kann. „Wir sind die Empfangsdamen“, lacht Verena Ferschke, die beiden jungen Frauen vom Netzwerk Bürgerengagement Oberursel (NBO) sind ehrenamtlich im Einsatz. Zusammen mit „Lotse“ Alcides Maschado organisieren sie die Abläufe im Sitzungssaal des Rathauses. Auch als Dolmetscher mit ihren Sprachkenntnissen, Maschado hat portugiesische Wurzeln, Varga stammt aus Ungarn, Ferschke spricht gut Englisch. Es sind auffallend viele Menschen aus anderen Ländern, die den einfachen Weg zur Spritze suchen. Auch die Sprachbarriere sei bei vielen potenziellen Impfkandidat:innen ein Hinderungsgrund, diese Erfahrung wird den Impfteams immer wieder bestätigt. Auch wenn Aufklärung inzwischen in 23 Sprachen im Internet abrufbar ist.

Die Impfquote im Hochtaunuskreis sei gut, so Ulrich Köhne, der ärztliche Leiter der Samstag-Mannschaft. „Aber noch fehlen um die 20 Prozent bei den 18- bis 60-Jährigen.“ In den Seniorenheimen des Kreises waren die mobilen Teams von Anfang an unterwegs. Ins Rathaus kommen sie auch nächsten Samstag wieder.

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