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Krisen als Chancen nutzen

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Das „Forum Oberurseler Zukunft“ hat begonnen: In der Alten Wache in Oberstedten spricht Professor Michael Opielka am Donnerstag über Soziale Nachhaltigkeit.
Das „Forum Oberurseler Zukunft“ hat begonnen: In der Alten Wache in Oberstedten spricht Professor Michael Opielka am Donnerstag über Soziale Nachhaltigkeit. reimer © Reimer

„Forum Zukunft“ mit Soziologe Michael Opielka über Soziale Nachhaltigkeit

Oberursel - Forum Oberurseler Zukunft“, heißt das neue Projekt der Begegnungsstätte Alte Wache. Unter dem Titel finden Vortragsreihen statt, die, so die Veranstalter, „das kulturelle und geistige Leben Oberursels bereichern und Akzente setzen sollen“. Die erste Reihe rückt „Nachhaltigkeit für Oberursel“ als Hauptthema in den Fokus, und für deren Auftaktveranstaltung war ein hochkarätiger Gast da: Der Soziologieprofessor Michael Opielka sprach im früheren Feuerwehrhaus vor knapp 20 Zuhörern über „Soziale Nachhaltigkeit“. Der 1959 in Stuttgart geborene Sozialwissenschaftler leitet das Institut für Sozialökologie in Siegburg, lehrt als Professor für Sozialpolitik an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena und als Privatdozent an der Uni Hamburg.

„Wir wollen heute komplizierte Dinge besprechen“, kündigte Opielka an, aber flaches Denken hätte die Besucher sicher auch enttäuscht. Das Soziale mit dem Wohlfahrtssektor, den Gewerkschaften, Gesundheit, Bildung - „ein Riesensektor in unserer Gesellschaft“ - auf der einen Seite, das Feld Umwelt mit den Verbänden, den Grünen und auf der anderen: „Es sind zwei verschiedene Welten, die Sie in dem Begriff Soziale Nachhaltigkeit finden“, erklärte der Referent. Und wenn man genauer hinschaue, sei in den vergangenen 40 Jahren „nicht wirklich viel passiert“, um diese Trennung zu überwinden.

Er selbst komme aus dem Sozialen, sei in der Jugendarbeit engagiert gewesen, später war er Erziehungswissenschaftler, bevor er sich der Soziologie widmete. „Natürlich war ich auch in Brokdorf dabei und habe gegen das AKW demonstriert. Ich habe keine Steine geworfen, aber ich war ausreichend dagegen. Aber wofür bist du? Das hat mich beschäftigt.“ Eine Zeit lang habe er in einem Kibbuz in Israel gelebt. „Mir wurde klar: So muss der Sozialismus sein. Du kannst hin, aber auch wieder weg.“ Sein Naturbezug sei schon immer stark gewesen. „Als sich die Grünen gründeten, schien mir das intuitiv richtig zu sein.“ Opielka trat in die Partei ein, war in den Achtzigern wissenschaftlicher Berater der Bundestagsfraktion.

Zwei Welten, die aber verflochten seien: „Diese Verwobenheit merkt man aktuell an den Gaspreisen. Da wird gesagt, man soll kürzer duschen. Sie leben hier in einer reichen Gegend: Wer gut verdient, fragt sich vielleicht: Warum soll ich sparen, dass andere auch etwas haben? Die könnten doch mehr arbeiten.“ Immer sei die soziale Komponente enthalten, so Opielka. „Was immer wir machen, wir machen es nicht ohne die anderen.“ Weiteres aktuelles Beispiel: der AKW-Reservebetrieb. Auch der habe mit Sozialer Nachhaltigkeit zu tun. „Unter Klimagesichtspunkten ist die Atomkraft ja sinnvoll, solange die Meiler richtig funktionieren. Aber die Risikoabschätzung - Strahlung, Endlager -, das ist ein zutiefst sozialer Prozess. Niemand kann diese Risikoabschätzung alleine machen“, erklärte Opielka, der als international ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Sozialreformanalyse gilt.

Auch im Bauen steckt Soziales

Ein anderes Beispiel, das auch die Mehrdimensionalität zeige, sei das energiesparende Bauen. Das Soziale daran: „Wenn Sie zu hohe Anforderungen haben, gibt es kein Geld für Sozialwohnungen.“ Dennoch passiere in dem Bereich etwas, wenn man sich die Normen anschaue, aber sehr langsam, sagte Opielka - der gelernt hat, dass ein „gewisses Maß an Geduld generell ratsam“ sei, um „nicht immer frustriert“ zu sein. „Es gibt keine erfolgreichen Revolutionen. Nur politisch verändern, das funktioniert nicht. Eine Experten-Regierung, auch das klappt höchstens ein paar Monate“, so Opielka. Das Benennen der Kosten sei im ökologischen Prozess noch schwieriger als in der Sozialpolitik. „Wie soll man beispielsweise Artensterben beziffern?“, fragte Opielka.

Ebenso wichtig sei die Interdisziplinarität, so der Wissenschaftler. „Die Prozesse aus dem Feld der Sozialen Nachhaltigkeit können Sie nur interdisziplinär lösen. Interdisziplinarität ist eine hohe Kunst.“ Wie kann man das Interdiziplinäre, als die Verknüpfung der Wissenschaften schaffen? „Manchmal muss man die Leute richtig durchschütteln. Ich muss Krisenmomente nutzen. Wenn man bestimmte Krisen nicht ergreift, zahlt man hinterher den Preis - und im Moment gibt es ein paar Möglichkeiten. „Sozial, heißt nicht nur Umverteilung“. mrm

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