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Königliches Taunusgold

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Von: Olaf Velte

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Schoppenpetzers Paradies: Die traditionelle „Vertestigung“ auf dem Oberurseler Marktplatz.
Schoppenpetzers Paradies: Die traditionelle „Vertestigung“ auf dem Oberurseler Marktplatz. © Michael Schick

Der neue Ebbelwoi-König Hendrik Docken, unter dem Künstlerkürzel „Hendoc“ bekannt, gewinnt haushoch und kündigt eine Triumphfahrt durch die Straßen Oberursels an.

Es ist versprochen. Noch in dieser Woche, so hat es der neue Ebbelwoi-König während der Krönungsfeier am Montagabend verkündet, will er im Rolls Royce, die Krone auf dem gesalbten Haupt, durch die Straßen Oberursels rollen und Äpfel an das staunende Volk verteilen. Hendrik Docken heißt der Thronbesteiger mit bürgerlichem Namen – als Bildhauer und Heidetränke-Bewohner auch bekannt unter dem Künstlerkürzel „Hendoc“.

Im 16. Jahr der „Ebbelwoi-Vertestigung“ im Rahmen des Ober-urseler Herbsttreibens hat sich ein Stöffsche-Freund durchgesetzt, der wahrlich kein Unbekannter in der Szene ist: Hendoc hat 1997 den vergoldeten Siegerpokal hergestellt und sich bereits vor fünf Jahren mit seiner Woi-Kreation „Goethes Traumreise“ an die Spitze der Orscheler Schoppengesellschaft katapultiert. Sein diesjähriges Getränk nennt sich „Taunusgold“ und hat mit einem überragenden Ergebnis von 98 Stimmen alle Konkurrenzprodukte auf die Plätze verwiesen. „So einen Ausreißer“, sagt Organisator Jörg Steden, „hatten wir noch nie“. „Adenauers Treppetröppsche“ von Neuling Georg Eiselt konnte als Zweitplatzierter insgesamt 51 Stimmen auf sich vereinen. Frank Grimmer mit „Bembel-Lutscher“ (30 Zustimmungen) schaffte es auf den dritten Rang.

Trotz kühlen und regnerischen Wetters haben sich zwischen Freitagnachmittag und Sonntagabend 306 Test-Trinker an dem Marktplatzbrunnen eingefunden, wo Probiergläser, Auswertungsbögen und 23 gefüllte Glasballons dem Lauf der Dinge harren. Im Gebinde lauern Apfelweine, deren Ursprünge im Herbst des Vorjahres liegen und die in Ruhe kräftig gealtert sind. Geschmackswelten öffnen sich mit jedem neuen Trunk.

Bauernwein ohne Fehl und Tadel

Während der eine Schoppen den Gaumen strapaziert, rinnt der Nachbar süffig durch den Schlund. Dass der Inhalt von Ballon Nummer 9 von Tag zu Tag dunkler wird, ist ein Phänomen, zu dem die Fachgespräche nicht enden wollen.

„Der ist an der Luft oxidiert“, so Steden. Wohl hätten sich Eisenpartikel einer alten Kelter in den gärenden Saft verirrt.

Als Regel aber gilt am Tage der Verkostung: Was partout nicht munden will, wird mit Schwung dem Brunnenwasser beigegeben. Am Sonntag schäumt es strohgelb unter zaghaften Sonnenstrahlen. Die heilige Ursula auf ihrem Sockel nimmts jedenfalls mit Gleichmut. Neben dem Nachwuchs – die „Orscheler Buben“ als hoffnungsfrohe Talente – geben sich auf dem Marktplatz auch die Apfeltraditionalisten die Ehre. Klaus Kleemann ist als Sieger des Oberstedtener Wettbewerbs angereist und baut auf langjährige Erfahrung. „Im Familienverbund bauen wir schon seit Großvaters Zeiten Ebbelwoi aus.“ 1200 Liter per Anno. Für seinen „Eis-Äppler“ – der am Ende den fünften Platz belegt – hat er Kelterobst im November gesammelt, „bei erstem Frost und Schnee.“ Sehr mild und fruchtig habe sich der Schoppen im April präsentiert – nach fünf Monaten bleibt die Würde des Alters auf der Zunge.

Übrigens hat sich der Berichterstatter für die Nummer 18 entschieden: Der „Gärtnerschoppen“ als typischer Bauernwein ohne Fehl und Tadel.

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