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Foto der drei Söhne von Hermann Grünebaum, von links: Moritz, James, Hugo.

Oberursel

Reise zu den jüdischen Vorfahren

  • Torsten Weigelt
    vonTorsten Weigelt
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Der deutsch-israelische Schauspieler Jeff Wilbusch stößt auf dem jüdischen Friedhof in Oberursel auf die Geschichte seiner Familie. Noch sind dort nicht alle Gräber identifiziert.

Ein Buch ist immer nur ein Zwischenschritt“, sagt Angelika Rieber. Diese Erfahrung macht sie gerade wieder mit der Dokumentation „Der jüdische Friedhof in Oberursel“, die sie jüngst zusammen mit Lothar Tetzner veröffentlicht hat. Zum einen habe sie inzwischen mit Hilfe von zwei Lokalhistorikern herausgefunden, wann der Friedhof genau eröffnet wurde, nämlich 1857.

Deutlich bewegender war der Besuch eines Nachkommen von gleich mehreren der auf dem jüdischen Friedhof von Oberursel beerdigten Menschen. Der Schauspieler Jeff Wilbusch war zusammen mit seiner zukünftigen Frau und seinem Schwiegervater in spe eigens zu einer Führung Riebers angereist, um das Grab seines Urururgroßvaters Hermann Grünebaum und das seiner Ururururgroßeltern Jettchen und Jakob Grünebaum zu besuchen – und stieß dabei zur eigenen Überraschung auf zahlreiche weitere seiner Vorfahren. „Er hat einen Verwandten nach dem anderen gefunden“, schildert Rieber. Für Wilbusch sei der Tag „eine emotionale Entdeckungsreise“ gewesen. Er sei nicht nur erstaunt darüber gewesen, wie präsent seine Familie früher in Oberursel gewesen war, sondern auch sehr bewegt, seiner eigenen Wurzeln gewahr zu werden. „Ich war nicht das letzte Mal in Oberursel“, habe Jeff Wilbusch am Ende der Führung gesagt.

Schon die Kontaktaufnahme zwischen ihm und Rieber verlief äußerst ungewöhnlich. Der junge deutsch-israelische Schauspieler hatte in einem Interview mit der Berliner Zeitung erwähnt, dass sein Ururgroßvater Moritz Grünebaum aus Oberursel stamme. Eine aufmerksame Leserin, Henny Ludwig aus Bad Homburg, griff zum Hörer und rief Angelika Rieber an. Diese war selbst erst kurz zuvor auf Moritz Grünebaum gestoßen.

Dessen Name war durch den Fund des Grabsteins von Jakob Grünebaum in Oberstedten und die darauf folgenden Recherchen der Historiker ans Tageslicht gekommen. Durch eine Verwechslung oder einen Übertragungsfehler sei der gebürtige Oberurseler im Gedenkbuch des Bundesarchivs jahrelang mit einem falschen Geburtsort angegeben worden: Oberwesel statt Oberursel, ein Fehler, der inzwischen korrigiert wurde.

Jeff Wilbusch am Grab eines seiner Vorfahren.

Nun wandte sich Rieber an die Agentin des Schauspielers und hatte Glück. Gleich am nächsten Tag rief Jeff Wilbusch zurück. Informationen wurden ausgetauscht. Jeff Wilbusch steuerte die Familiengeschichte seit seinem Ururgroßvater Moritz bei, Angelika Rieber familiengeschichtliche Daten aus Oberursel. Daraus geht hervor, dass der 1874 in Oberursel geborene Moritz der Sohn von Hermann Grünebaum war, dessen Grab auf dem jüdischen Friedhof zu finden ist.

Moritz heiratete Anfang des 20. Jahrhunderts Esther Abrahams, mit der er seitdem in Den Haag in den Niederlanden lebte. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Hermann, nach seinem Großvater benannt (1901), Alfred (1905) und Charlotte (1912).

Der Überfall auf Westeuropa durch die deutsche Armee 1940 bedrohte das Leben der Grünebaums in den Niederlanden. Esther starb dort Anfang 1941, ihr Mann Moritz wurde nach Auschwitz deportiert, wo er am 19. Februar 1943 starb. Auch der Sohn Alfred, von Beruf Buchhändler, wurde Opfer des Holocaust. Er wurde am 2. Juli 1943 in Sobibor ermordet. Charlotte und Hermann überlebten den Holocaust. Hermann, Jeffs Urgroßvater, floh mit seiner Familie nach Palästina.

Dass Nachkommen von Oberurseler Juden die Gräber ihrer Vorfahren besuchen, sei schon vorgekommen. „Es passiert aber nicht so oft“, sagt Angelika Rieber. Der Besuch von Jeff Wilbusch sei aber „etwas ganz Besonderes“ gewesen. Zumal der Grabstein seines Vorfahren Jakob Grünebaum wohl der älteste erhaltene Stein auf dem jüdischen Friedhof von Oberursel ist.

Dessen Gelände habe die Jüdische Gemeinde seinerzeit kostenfrei von der Stadt zur Verfügung gestellt bekommen, sagt Rieber. Auch das habe sie inzwischen noch herausgefunden. Derzeit ist sie dabei, die Gräber zu identifizieren, die im Laufe der Zeit von dem Friedhof verschwunden sind. Darunter seien auch eine Reihe Kindergräber gewesen, so Rieber. Wie gesagt: „Ein Buch ist immer nur ein Zwischenschritt.“

Die Dokumentation „Der jüdische Friedhof in Oberursel“ ist in den Oberurseler Buchhandlungen oder bei der Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit erhältlich. Die Schrift kostet 15 Euro. ISBN: 78-3-00-066440-3.

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